Ein naturnaher Garten – für Tiere wichtig, für Kinder spannend

Weltweit sind schätzungsweise 40% der Insektenarten vom Aussterben bedroht. Die Biomasse fliegender Insekten hat in den vergangenen 3 Jahrzehnten um etwa 75% abgenommen. Doch auch die generelle Artenvielfalt schrumpft dramatisch. Lebensräume werden knapp durch Monokultur auf dem Acker, immer mehr versiegelte Böden, die industrielle Waldbewirtschaftung etc.. So kommt es, dass Gärten und andere Grünflächen in Dörfern und Städten Oasen sein können, die artenreicher sind als viele Orte in der Natur. Die Möglichkeit, mit einem naturnahen Garten zum Erhalt der Artenvielfalt beizutragen, sollte nicht unterschätzen werden. Denn die Masse macht’s, und es gibt extrem viele Gärten in Deutschland. Wir können also – falls wir überhaupt über einen Garten verfügen – direkt vor der eigenen Tür etwas tun. Gerade für Kinder kann das Anlegen eines naturnahen Gartens ein spannendes Projekt sein, bei dem sie viel lernen. Das ist Biologieunterricht im besten Sinne, nämlich der praktischen Sorte, der Neugier und Begeisterung weckt. Es ist eine Win-win-Situation, denn alle werden belohnt: die Pflanzen und Tiere im Garten. Alle, die Naturbeobachtungen interessant finden. Und auch alle, die sich einfach nur gerne an der frischen Luft entspannen. Denn ein naturnaher Garten ist lebendig. Vogelgezwitscher und Bienensummen erfreut die Ohren und bunte Farben vom Frühjahr bis in den späten Herbst die Augen. Das fördert die Entspannung sogar bei Menschen, die mit Naturromantik nicht viel am Hut haben.

Nicht nur als Bestäuber sind Insekten unglaublich wichtig.

„Gepflegte“ Gärten? Wüsten für Insekten

Es gibt eine lange Kulturgeschichte des Gärtnerns. Lange ging es entweder um die Nutzung der Gartenfläche zum Anbau lebenswichtiger Nutzpflanzen, oder der Garten wurde den ästhetischen Vorstellungen der Zeit gemäß kultiviert. Die meisten Menschen heutzutage bevorzugen einen Rasen und mögen es ordentlich. Wenn es besonders pflegeleicht sein soll, legt man einen Steingarten an. Für die Artenvielfalt gibt es kaum etwas Ungünstigeres, weil Tiere Rückzugsorte und Verstecke für ihre Kinderstuben brauchen. Das böte ein Steingarten zumindest für manche Arten. Aber dort gibt es keine Nahrung. Dass man wie bei Vögeln zufüttern kann ist eine Ausnahme. Die Natur sorgt schon selbst für ihre Geschöpfe, wenn man ihr die Möglichkeit bietet. Wenn man sie lässt, kann ein Garten ein Ökosystem werden oder sogar mehrere enthalten. Im Übrigen spart ein naturnaher Garten den Aufwand, den man gegebenenfalls hineinsteckt an anderer Stelle wieder ein. Warum? Das werden wir noch sehen.

Unzählige Tiere im Garten – wenn er einladend ist

Reden wir noch nicht einmal von den unzähligen Mikroorganismen und Kleinstlebewesen, die den Boden bevölkern. Auch nicht von den Insekten, die anschließend ein eigenes Kapitel bekommen. Sondern nur von den Wirbeltieren: Wenn ein Garten diesen die Voraussetzung bietet, stellen sie sich so schnell ein, dass man sich wundert. Am meisten machen sich die Vögel bemerkbar. Unter ihnen gibt es scheue Vertreter, die man mehr hört als sieht. Und doch taucht immer wieder einmal einer von ihnen auf. Wer sich auskennt, freut sich über die seltenen Arten. Ihr Erscheinen kommt ja einer Bestätigung gleich, dass man es mit dem naturnahen Garten gut gemacht hat. Deswegen bereiten viele Tiere im Garten noch mehr Freude, wenn man die Gelegenheit zur Fortbildung nutzt und identifizieren lernt, was da kreucht und fleucht. Schon ein kleines Tierchen kann dann Anlass zu großer Freude bieten. Jeder naturnahe Garten kann Lebensraum oder Rastplatz für so viele Wirbeltiere sein, dass man sie hier kaum aufzählen kann.

Säugetiere

Füchse, Igel, Eichhörnchen, Fledermäuse , Haselmäuse , Siebenschläfer, Spitzmäuse , echte Mäuse (alle davor genannten sind nämlich gar kein Mäuse). Manchmal auch Kaninchen. Sehr selten Feldhasen. Lurche, Frösche, Kröten. Es gibt auch Tiere, auf die mancher gerne verzichten könnte. Doch gerade das sind Arten, die nicht nur in einem tierfreundlichen Garten auftauchen. Sie fühlen sich als Kulturfolger eher von Gebäuden und Abfällen angezogen, wie Marder, Waschbären und Ratten, am Stadtrand sogar Wildschweine. Oder sie freuen sich über Beete, wie die Wühlmaus, die dort die Wurzeln anfrisst. Ein Maulwurf hingegen kommt, weil er auf der Suche nach einem Revier ist. Der Konkurrenzdruck unter Maulwürfen ist groß. Ob er einen naturnahen Garten oder einen perfekter Rasen sein eigen nennen kann, ist ihm ziemlich egal. Aber aus Sicht des menschlichen Besitzers ist es doch so: Seine Auswurfshügel stören ja eigentlich auch nur bei einem Rasen. Unter Wildgräsern fallen sie gar nicht auf.

In einem naturnahen Garten, wo er Kleingetier als Nahrung findet und sich verkriechen kann, fühlt sich der Igel wohl.

Vögel

Amseln, Drosseln, Buch-, Grünfinken, Kohl-, Blau-, Schwanz-, Haubenmeisen, Bachstelzen, Zaunkönige, Schattenbraunellen, Wintergoldhähnchen (kleinster Vogel Europas), Rot- und Blaukehlchen, Kleiber, Mönchs- und Gartengrasmücken, Fitisse, Zilpzalpe (beides Laubsängerarten), Kreuzschnäbel, Nachtigallen, Pirole, Goldammern, Spechte, Elstern, Eichelhäher, Spatzen, Schwalben, Mauersegler, Sperber und Habichte. Staren- und Dohlenschwärme bevölkern saisonal die Baumwipfel. Auch die intelligenten Krähen und Raben lassen sich blicken.

Auch so einen schönen Vogel wie den Pirol kann man in einem naturnahen Garten einmal zu Gesicht bekommen.

Manche der aufgezählten Arten sind selten. Andere machen sich lediglich in menschlicher Nähe rar. Umso erfreulicher, wenn man sie einmal zu Gesicht bekommt. Ein tierfreundlicher Garten kann auch Gäste anlocken, die nur vorübergehend bleiben. Viele in Gärten heimische Vögel sind Zugvögel.

Speziell Kleingetier braucht naturnahe Gärten

Der tierische Teil der Nahrungskette beginnt schon bei den Mikroorganismen. Aber ab der Größe von Würmern und Gliederfüßern, zu denen Insekten und Spinnentieren gehören, wird sie für uns Menschen sichtbar. Nur ganz wenige kleine Wirbeltiere sind strikte Vegetarier. Die meisten Singvögel ernähren sich mindestens partiell von der gigantischen Biomasse, von welcher die Insekten einen erheblichen Teil ausmachen. Die Fluginsekten nehmen eine zusätzliche und besonders wichtige Rolle ein, weil viele von ihnen als Bestäuber fungieren, also für die Vermehrung vieler Pflanzen unverzichtbar sind. Umgekehrt sind die Insekten auf die Pflanzen angewiesen. In einem biologischen System herrschen gegenseitige Abhängigkeiten. Insekten und andere Kleintiere brauchen bestimmte Pflanzenarten als Nahrungsquelle, als Lebensraum und als Unterschlupf. Und zwar nicht nur in lebendiger Form, sondern auch die Abfälle und Überreste. Verrottendes Holz und Laubhaufen sind ebenso wichtig wie die Bäume, Büsche und Gräser selbst. Viele überwinternde Kleintiere überstehen die kalte Zeit in einer Art Winterschlaf. Manche graben sich dafür ein. Andere brauchen Laub oder vermoderndes, weiches Holz. Dort werden auch oft Eier abgelegt, weil die Brut verhältnismäßig gut vor der Witterung geschützt und versteckt ist. Unter anderem Amseln und Drosseln profitieren davon. Sie sind hauptsächlich am Boden auf Nahrungssuche, durchstöbern Laub und zerrupfen Moos, um an ihre Nahrung zu kommen.

Amseln mögen „unaufgeräumte“ Gärten.

Keine Angst vor unerwünschten Folgen

Die vermutlich beliebtesten Insekten im Garten sind Schmetterlinge, Libellen, Bienen und Hummeln. Als lästig werden Ameisen und natürlich Mücken, Wespen und Fliegen empfunden. In einem naturnahen Garten gibt aber nicht auffällig viele „dicke Brummer“. Und bei Mücken ist das wichtigste Kriterium für ihre Präsenz stehendes Wasser, wo sie ihre Eier anlegen. Das kann auf Grundstücken jeder Art vorkommen, zum Beispiel in Wassertonnen, in Betonnischen, in verstopften Abflüssen und Regenrinnen. Und wenn Wespen den Menschen lästig werden, ist dies fast immer mit der Situation verbunden, dass draußen oder bei geöffneten Fenstern etwas Zuckriges verzehrt wird. So paradox es klingen mag, aber wer etwas für die Insektenvielfalt tut, muss keineswegs fürchten, von dem angelockten Kleingetier terrorisiert zu werden. Denn die Insekten, um die es geht, die nämlich vom naturnahen Garten angezogen werden, bleiben am liebsten genau dort – im Garten. Dort stellt sich fast immer von alleine ein Gleichgewicht ein. Schädlinge nehmen selten überhand, weil sie andere Tiere anlocken, die sich von ihnen ernähren. Blattläuse sind zum Beispiel eine Lieblingsmahlzeit von Marienkäfern. In der Natur – und natürliche Verhältnisse sollen in einem naturnahen Garten ja geschaffen werden – ist alles ziemlich ausgewogen. Auch dort kommt es in manchen Jahren zu einem Übermaß bestimmter Arten. Dabei handelt es sich aber um Ausnahmejahre.

Nicht alle Insekten sind so beliebt wie der Schmetterling: sieht schön aus, ist lautlos und stört nicht.

Der umweltpädagogische Effekt eines naturnahen Gartens

Es ist vermutlich so, dass sich heutzutage mehr Kinder und Jugendliche durch die Zerstörung unserer Umwelt bedroht fühlen, als das früher der Fall war. Vor Jahrzehnten wurde dieses Thema leider bei weitem nicht so wahrgenommen wie heute. Auch nach eindringlichen Warnungen konnte es immer so weitergehen, weil sich die Mehrheit der Bevölkerung mit anderen Dingen beschäftigte. Bei einem ähnlich intensiven Problembewusstsein wie heute wäre es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht so weit gekommen. Es ist also wichtig, dass schon Kinder lernen, wie wichtig der Erhalt natürlicher Lebensräume ist. Dazu gehört, dass sie auch die Zusammenhänge verstehen. Und wie immer hängt effektives Lernen erheblich vom Interesse der Lernenden ab. Ein naturnaher Garten kann deshalb einen großen umweltpädagogischen Effekt haben. Kinder können, wenn sie die Abhängigkeitsverhältnisse in einem Ökosystem verstehen, auch begreifen, warum auf der so eng besiedelten Erde nicht egal ist, was in weiter Entfernung geschieht. Also ist ein naturnaher Garten eine großartige Chance. Die allermeisten Kinder interessieren sich für Tiere. Es wird oft keine große Mühe kosten, sie für ein Familienprojekt einzunehmen. Eltern, die sich nicht die nötige Begeisterungsfähigkeit zutrauen, sollten es ruhig wagen, die Kinder vorangehen und sich selbst mitreißen zu lassen. Auch so kann es manchmal ganz überraschend funktionieren. Das gemeinsame Schaffen wäre auf jeden Fall ein geteiltes Erlebnis, das den Familienzusammenhalt stärkt. Genötigt werden sollten die Kinder allerdings nicht. Wenn sie partout nicht wollen, werden sie wohl eher eine Antipathie entwickeln, als etwas zu lernen.

Früher galt so etwas als verwahrlost. Heute ist es verantwortungsbewusst.

Ein tierfreundlicher Garten als Familienprojekt

Auch, wenn Sie keine Lust auf überall wuchernde Pflanzen haben, können Sie enorm viel tun, um die Situation für Pflanzen und Tiere im Garten zu verbessern: zum Beispiel gezielt Pflanzen aussuchen, die einen Unterschied machen. Es gibt Exoten, die der einheimischen Tierwelt gar nichts bringen, und schon lange etablierte Sorten, die sehr viele unterschiedliche Tierarten auf einmal ernähren. Wenn man sich informiert, muss das auch nicht zur Dogmatik werden. Der Sommerflieder stammt aus dem asiatischen Raum, bietet aber auch bei uns vielen Bestäubern Nahrung und lockt erfreulicherweise besonders viele Schmetterlinge an. Bei beerentragenden Bäumen und Büschen gibt es häufig sowohl importierte wie heimische Arten. Fast immer sind letztere diejenigen, die einen höheren ökologischen Wert haben. Das gilt auch für Blütenpflanzen. Hiesige Wiesenblumen und Ackerkräuter auf einem Blühstreifen sind ein Segen für viele Arten. Und viel Arbeit macht der wirklich nicht.

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Blühstreifen an Ackerrändern sind extrem wichtig und dienen auch in jedem Garten der Artenvielfalt.

Beziehen Sie die Kinder am besten von Anfang an mit ein: beim Planen, beim Einkaufen und Anpflanzen. Noch besser: schon bei der Frage nach dem Warum. Immer wieder zeigt es sich, dass sich Kinder begeistern, wenn sie wirklich involviert sind und ihre Selbstwirksamkeit erleben und das Gefühl haben etwas Wichtiges zu tun. Im Übrigen ist auch die Gewöhnung an Gartentätigkeiten etwas sehr Schönes. Während das Gärtnern für manche wohl nie mit Spaß gleichzusetzen sein wird, gibt es viele Menschen, die es lieben. Das muss man aber erst einmal entdecken. Kinder laufen Gefahr, nie in Berührung mit Gartenarbeit zu kommen. Beim Anlegen eines (vielleicht auch nur ansatzweise) naturnahen Gartens ist also mehr zu gewinnen als eine höhere Artenvielfalt. Auch handwerklich interessierte Kinder kann man übrigens mitnehmen. Mit ihnen können Sie Brutkästen für Vögel, Fledermäuse oder Siebenschläfer bauen. Auch eine Vogeltränke lässt sich eigenhändig bauen, statt sie fertig zu kaufen. Solche Vorrichtungen im Garten haben dann einen besonderen Wert. Wenn sie dann auch tatsächlich genutzt werden, und die Kinder dort Tiere beobachten können, ist das für sie eine tolle Mischung aus Naturerlebnis und Kompetenzgefühl.

Vorbildlich: Hier können sich Tiere ohne Gefahr des Abrutschens und Ertrinkens am Wasser laben.

Leicht umsetzbare Tipps für einen naturnahen Garten

  • Hängen Sie Nist- und Fledermauskästen auf. Schaffen Sie Nistmöglichkeiten für Schwalben. Bauen oder kaufen Sie ein (gutes!) Insektenhotel.
  • Gestalten Sie die Abgrenzung zu den Nachbargrundstücken so, dass Tiere dadurch nicht aufgehalten werden. Ein extremes Negativbeispiel wäre eine unbewachsene Mauer ohne Fugen. Ein positives Beispiel wäre ein Lattenzaun, der nach unten nicht abschließt.
  • Sorgen Sie für weniger Ordnung: Gestrüpp, Laub, Totholz, Reisighaufen, Fallobst, hochstehende Gräser und vermeintliche Unkräuter sind gut. Achten Sie bei der Ortswahl darauf, dass dieser Lebensraum nicht irgendwann doch im Weg ist und beseitigt werden muss.
  • Informieren Sie sich vor dem Beschneiden von Hecken und Bäumen über Brutzeiten, um Schaden für die Bewohner zu vermeiden.
  • Bereichern Sie Ihren Garten durch Hecken, Kletterpflanzen, Sträucher. Die bieten unzähligen Tieren Unterschlupf.
  • Falls Sie Lust darauf haben: ein Gartenteich als Feuchtbiotop wäre ökologisch betrachtet ein wahrer Schatz!
  • Entschärfen Sie potenzielle Todesfallen. Tiere ertrinken zum Beispiel in Wassertonnen, weil sie dort keinen Halt finden und sich auch nicht selbstständig retten können, nachdem sie hineingefallen sind. Decken Sie Schächte ab, aus denen Tiere nicht wieder herauskommen. Bekleben Sie Fensterscheiben mit Greifvogelsillouhetten, wenn Sie feststellen, dass Vögel dagegenfliegen.
  • Sorgen Sie für eine gute Abdunklung der Fenster und dafür, dass keine andere Lichtquelle den Garten nachts beleuchtet. Licht in der Nacht bringt viele Insekten völlig durcheinander und tötet sie oft.

Der letzte Rat: Verbinden Sie das Nützliche mit dem Angenehmen. Genießen Sie die Ergebnisse Ihrer Mühen. Halten Sie sich im Garten auf, beobachten Sie die Tiere, die einen Lebensraum gefunden haben – und seien Sie ruhig ein wenig stolz auf sich.

Quellen und weitere Informationen:

  • https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/garten/naturgaerten-anlegen-profi-tipps
  • https://niedersachsen.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/tipps-haus-garten/13064.html
  • https://www.nabu.de/news/2017/10/23291.html
  • https://niedersachsen.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/tipps-haus-garten/13064.html
  • https://www.aktiontier.org/kampagnen/mein-tierfreundlicher-garten/

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