Salutogenese einfach erklärt – am Fallbeispiel Schule

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Salutogenese Definition

Salutogenese – die Ethymologie des Wortes entschlüsselt seine Bedeutung: salus ist das lateinische Wort für „Gesundheit, Unversehrtheit, Glück“, genese ist das griechische Wort für „Entstehung“. Die Salutogenese ist also die Lehre über die Entstehung der Gesundheit. Der Begründer dieses Gesundheitsmodells ist der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky.

Salutogenese einfach erklärt

Salutogenese ist ein Modell für seelische und körperliche Gesundheit aus einem positiven Blickwinkel: Es wird nicht gefragt: Was macht krank?, sondern: Was hält gesund?

Dabei fußt das Konzept der Salutogenese auf das sogenannte Kohärenzgefühl: Dieses besteht aus drei Säulen:

  • Verstehbarkeit, d.h. die Fähigkeit Stressoren sinnhaft einzuordnen
  • Handhabbarkeit, d.h. die Fähigkeit, sich nicht als Opfer, sondern als Handelnder zu sehen, sowie
  • Bedeutsamkeit, d.h. die Fähigkeit, eine Sinnhaftigkeit im Leben zu sehen
Salutogenese - Drei Säulen - SpielundLern.de

Für die Gesunderhaltung von Körper und Geist sind mehrere Aspekte wichtig:

  • körperliches Wohlbefinden,
  • optimistische Grundhaltung,
  • Gemeinschaft und Hilfe leisten,
  • den eigenen Fähigkeiten trauen und
  • Sinnhaftigkeit und Bedeutung im Leben sowie
  • Qualität der menschlichen Beziehungen.

Grenz-Erfahrungen, Unfälle, Traumata, Schicksalsschläge können zu Depressionen oder Passivität führen oder aber ganz im Gegenteil als persönliche Herausforderung empfunden werden, die handhabbar ist und mit der eben deshalb ein guter Umgang gefunden wird.

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Besonderheiten dieser Gesundheitslehre

Das Besondere an der Salutogenese ist der ungewöhnliche Blickwinkel: Es werden jene Aspekte in den Vordergrund gestellt, die die Gesundheit erhalten, statt jene, die sich schädigend auf sie auswirken. Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Obwohl in der Forschung ein Zusammenhang von belastenden Faktoren wie Stress oder Traumata auf die Gesundheit lange schon bekannt ist, blickt die Salutogenese in die umgekehrte Richtung auf jene Faktoren, die Belastungssituationen abmildern oder „umschiffen“ können. Die Hauptfrage lautet dabei: Welche Faktoren halten uns gesund und wovon werden sie beeinflusst?

Resilienz und Salutogenese

Resilienz ist die eigene angeborene oder im frühen Kindesalter erworbene geistige und seelisch-emotionale Wiederherstellungsfähigkeit und Regulationsfähigkeit angesichts von Stress, Schicksalsschlägen oder späteren traumatischen Ereignissen. Somit steht der Grad der Resilienz eines Menschen in Zusammenhang mit der Salutogenese, denn jene kräftigenden Fähigkeiten sind jene, die als Quelle von Gesundheit gelten. Insofern ist das Konzept der Resilienz im Konstrukt der Salutogenese eingebettet. Was Antonovsky als allgemeine Widerstandsressourcen beschreibt, wird in der Resilienzforschung als Schutzfaktoren psychischer Gesundheit beschrieben.

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Nähe zu Logotherapie

Antonovsky sieht die Sinngebung und Sinnstiftung im Leben als eines der zentralen Schutzfaktoren für psychische Gesundheit und somit als Grundstock der Salutogenese. Er selbst hatte den Holocaust überlebt und konnte bei sich und bei Schicksalsgenossen gut beobachten, wie dieses Trauma durch Sinngebung bewältigt wurde oder zumindest die Lebenszufriedenheit nicht belastete.

Damit steht Antonovsky mit seinem Schicksal und seine Theorie der Salutogenese in großer Nähe zum logotherapeutischen Ansatz des Psychotherapeuten Viktor Frankl. Dieser überlebte ebenfalls das jahrelange Schrecken der Konzentrationslager, verlor dort jedoch seine gesamte Familie. Auch er richtete seinen Blick in seinem späteren Leben als Psychotherapeut auf die Bedeutung des Lebenssinns für die Bewältigung von Traumata. Ebenfalls zentral ist für ihn die Verbundenheit mit Schwachen, Ohnmächtigen und Verfolgten und das Engagement für diese Menschen. Basierend darauf gründete er die Logotherapie.

Die Basis von Gesundheit sind also der Sinnzusammenhang der eigenen Existenz, die Handhabbarkeit der Welt – das sogenannte Kohärenzgefühl – sowie gelungene Beziehungen.

Dabei ist der Faktor gelungene zwischenmenschliche Beziehungen zentral. In der Salutogenese und der daran angelehnten Therapie wird seine Rolle höher gewichtet als Vererbung und Milieu.

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Salutogenese bei Kindern

Wiederholt bewiesen Studien zur Lebensqualität von Kindern, dass junde Menschen aus prekären, sozialschwachen, bildungsfernen, gewalttätigen oder suchtgeprägten Familien dennoch eine hohe Resilienz entwickelten, sofern sie die Erfahrung einer wohlwollenden und stabilen Beziehung zu einem anderen Menschen machen konnten.

Typische Risikofaktoren wie Alkoholismus, Gewalt, Vernachlässigung wie auch allgemein desolate Verhältnisse in den Ursprungsfamilien hatten keine so große schädigende Macht im Anbetracht des positiven Faktors „Qualität der menschlichen Beziehung“.

Was bedeutet das für das schulische Umfeld?

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Salutogenese in der Schule

Für die Schule und die Schüler bedeutet dies, dass Kindern aus instabilen Familien trotz ungünstiger Faktoren auch in ihrem erweiterten Umfeld, wie der Schule, gut geholfen werden kann.

Hierbei greifen die drei weiter oben aufgeführten Bedingungen für die Salutogenese:

  • die Qualität menschlicher Beziehung,
  • die Sinnhaftigkeit sowie
  • die Handhabbarkeit von Herausforderungen.
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Qualität menschlicher Beziehungen

Im Rahmen der schulischen Betreuungsangebote können stabile menschliche Beziehungen geschaffen werden, wenn die Schüler regelmäßige Komunikationsangebote mit Vertrauenspersonen bekommen. Für diese Aufgabe bieten sich Vertrauenslehrer, Sozialarbeiter oder therapeutische Erzieher an. Dabei sind besondere Qualitäten wichtig:

  • Ehrlichkeit und Integrität,
  • wohlwollende Zuwendung,
  • langjährige gewachsene Beziehung sowie
  • Respekt und Achtung vor persönlichen Grenzen.

Diese Vertrauensperson gewährleistet nun „ihrem“ Schützling eine Art sichere Zone, einen stabilen Beziehungsraum. Gemeint ist damit ein Umfeld, das dem Bedürfnis nach Individualität und gleichermaßen nach Struktur entspricht. Kontinuität, Rhythmus und Wiederholung sind Kernbestandteile davon. Die Vertrauensperson hält den Raum für Vertrauen, für Halt und Stabilität.

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Sinnhaftigkeit

Die Sinnfindung in dem, was passiert, dem, was wir erleben und in unseren täglichen Aufgaben – dies ist der zweite zentrale Punkt im Gesundheitsmodell Salutogenese. Dabei kann sich Sinnhaftigkeit entweder aus inneren Glaubensstrukturen ableiten, wie beispielsweise dem Glauben an Gott, oder es entsteht auch, wenn das Kind in einem Umfeld wirken darf, das seinem Tun Sinn zugesteht.

Ein Kind, das gerne singt, jedoch wiederholt hören muss, dass es nicht gut singt, dass Singen zu nichts gut sei oder nur „Spielerei“, wird das Singen bald als etwas empfinden, das keinen Sinn ergibt, des Lobes nicht wert ist und die anderen belastet. Ein Kind, das einen hohen Bewegungsdrang empfindet und in einem ungünstigen Umfeld Aussagen ausgesetzt ist, wie „Du bist hyperaktiv“, „Warum kannst Du nicht einfach mal stillhalten“, „Du bist wirklich hippelig“, „Nie bist du mal ruhig“, wird bald den Glaubenssatz entwickeln, dass Dinge, die ihm Freude machen und aus seiner Natur heraus entstehen, nicht in Ordnung sind.

Salutogenese - Vertrauen - SpielundLern.de

Wie kann eine günstige Umgebung diesen kindlichen Bedürfnissen Sinn vermitteln und sie würdigen? Das singende Kind könnte einem Chor beitreten oder vor der Klasse vorsingen dürfen. Es könnte am Musikunterricht dem Lehrer aushelfen oder anderen jüngeren Kindern das Singen beibringen. Das bewegungshungrige, aktive Kind könnte eine Sportart ausüben, die ihm Freude macht, es könnte im Sportunterricht aushelfen oder in einen Verein eintreten. Eingebunden in einem sinnstiftenden Umfeld bekommen Talente, Neigungen aber auch angeborene Eigenarten größtenteils weittragende, positive Aufwertung.

Genauso verhält es sich mit Schicksalsschlägen oder familiär schwierigen Ausgangslagen. Sie führen Menschen zwar zu Schmerz, aber doch auch zu einem Sein, zu einer Empfindsamkeit, zu einer Empathie, zu einer Erfahrungsdimension, aus der heraus sich Lebenswege ungeahnter Kraft entwickeln können – vorausgesetzt die Kinder werden hierbei gehalten und getragen, bestärkt und geleitet.

Handhabbarkeit

Das Gefühl, dass auch Krisen handhabbar sind, bedeutet für das Kind eine Änderung der Perspektive. Vom Opfer kann es zum Schöpfer werden. Hierbei können Vertrauenspersonen dem Kind Perspektiven aufzeigen. Eine schwierige Situation hat womöglich ungeahnte neue Kräfte im Kind geweckt. Vermutlich hat eine schwierige familiäre Situation das Kind besonders feinfühlig gemacht, wodurch es gut anderen Schwächeren helfen kann? Möglicherweise hat ein Schicksalsschlag das Kind befähigt, die Dinge, die es hat, mehr wertzuschätzen?

Grundlegend ist hier der Blick über den eigenen Tellerrand – der Blick über die eigene Situation hinaus auf jene vielleicht sogar schwierigeren Situationen anderer Kinder. Es hilft hierbei sehr, wenn die Kinder eingebunden sind in Hilfsaktionen oder ehrenamtlichen Engagement. So können sie Empathie entwickeln und sich als Selbstwirksam erleben: Wenn ich anderen helfen kann, so kann ich mir doch selbst auch helfen?

Persönlichkeitstypen - SpielundLern-Blog

Bauen Lehrer und Vertrauenspersonen auf die drei Säulen der Salutogenese, so können sie mit Geduld langfristige tragende Beziehungen zu den Kindern aufbauen. Diese wiederum können besser den Krisen trotzen, die sie im Elternhaus oder in ihrer Biographie erfahren mussten.

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Quellen

  • Antonovsky, A. (1997): Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen.
  • https://www.kinderzeit.de/news-detail-praxis/die-quelle-der-gesundheit-das-salutogenetische-prinzip.html
  • https://www.erziehungstraum.de/salutogenese-modell/
  • https://praxistipps.focus.de/salutogenese-nach-antonovsky-einfach-erklaert_128400
  • https://www.altenpflegeschueler.de/krankheiten/salutogenese/
  • https://www.academyofsports.de/de/lexikon/salutogenese-modell/
  • https://www.youtube.com/watch?v=EQ2eh5Lq2fo
  • https://www.youtube.com/watch?v=w5PoOlbqfpA
  • https://www.youtube.com/watch?v=PcW1rauKPQA
  • https://www.fernarzt.com/magazin/was-ist-salutogenese/

2 Kommentare zu “Salutogenese einfach erklärt – am Fallbeispiel Schule”

  1. Hallo,
    ich bin Schüler an einer Berufsschule und wir beschäftigen uns gerade mit dem Thema. Ich persönlich fand diesen Text hier jetzt außerordentlich informativ. Find ich knorke.
    Danke fürs Mühe machen.

    1. Hallo Kathrin,
      es gibt nichts Besseres, als wenn die Schule und Berufsschule sich auch mit solchen eher schulfremden Themen beschäftigen – ganz toll, dass die Berufsschule sich dem widmet!
      Das sind Themen, die meist auch für den späteren Lebensweg nützen und im Gedächtnis bleiben.
      Alles Gute auf dem weiteren Schul- und Berufsweg!
      Ihr Team von Spielundlern.de

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