Die richtige Stifthaltung fördern

Vielen Menschen sagt das Thema „Stifthaltungen“ nichts

Der Terminus Stifthaltung bezeichnet die Art und Weise, wie ein Stift beim Malen und vor allem beim Schreiben gehalten wird.

Wenn sehr kleine Kinder mit dem Malen beginnen, nehmen sie den Malstift einfach irgendwie in die Hand. Oft halten sie ihn in der Faust mit der Stiftspitze nach unten und kritzeln drauflos. Der Arm liegt dabei nicht auf, und die Malbewegungen kommen aus dem ganzen Arm.

Hat mein Kind eine grafomotorische Störung?

Mit fortschreitendem Alter nehmen die feinmotorischen Fähigkeiten zu. Kurz vor der Schulzeit können viele Kinder schon ein paar Zahlen oder Buchstaben und sogar Worte schreiben. Bis dahin hat sich normalerweise auch die Stifthaltung verändert, denn Schreiben erfordert höhere Präzision und deswegen mehr Kontrolle über den Stift als undifferenzierte Malkritzeleien.

Wenn Kinder eigenwillige Stifthaltungen entwickeln und nicht wieder aufgeben wollen, verunsichert das viele Eltern. Sie wissen nicht einzuschätzen, ob das unbedingt vor dem Eintritt in die Schule geändert werden sollte. Manche gehen dagegen sehr entspannt damit um. Das ist eigentlich lobenswert, denn das Kind sollte sich keinesfalls als mangelhaft empfinden. Aber einfach ignorieren sollte man die Sache auch nicht. Nehmen Sie eine auffällige Stifthaltung Ihres Kindes ernst – ohne sich gleich große Sorgen zu machen.

Fachlatein

Wenn Stifte auf ungewöhnliche Weise gehalten werden, redet man von individuellen unökonomischen Stifthaltungen. Aus medizinischer Sicht geht es dabei um die Grafomotorik. Sie ist der Feinmotorik zugeordnet. Eine gesunde Grafomotorik gewährleistet entspanntes Schreiben und Malen. Bei Problemen in dieser Hinsicht spricht man von grafomotorischen Störungen. Die Grafomotorik gehört zu den Gebieten, mit denen sich die Ergotherapie befasst. Das Ziel der Ergotherapie ist es, Menschen zu Bewegungen und Tätigkeiten zu befähigen, die ihnen unmöglich geworden sind, oder ihnen Handlungen zu erleichtern, die ihnen Schwierigkeiten bereiten.

Gibt es überhaupt die eine richtige Stifthaltung?

Der 3-Punktgriff ist derjenige, der immer wieder empfohlen wird: Der Stift liegt dabei auf dem letzten Glied des Mittelfingers und wird von Daumen- und Zeigefingerspitze gehalten und geführt. Hand und Unterarm ruhen auf der Schreibunterlage. Das sorgt im Zusammenspiel normalerweise für die beste Beweglichkeit, Präzision und Kraftkontrolle.

Bei anderen Stifthaltungen genau hinsehen

Entspanntes und sauberes Schreiben ist durchaus auch mit anderen Stifthaltungen möglich. Beim 4-Punktgriff zum Beispiel wird der Stift kurz hinter der Spitze mit den Daumen-, Zeigefinger-, Mittelfinger- und Ringfingerkuppen gehalten. Das funktioniert ebenfalls ziemlich gut, birgt aber mehr Potenzial für eine Verkrampfung.

Es gibt aber Stifthaltungen, die wirklich problematisch sind – oder sein können. Zu denen, die eine Reaktion erfordern, wenn sie im schulfähigen Alter immer noch beobachtet werden, gehört der „Faustgriff“, der wie oben beschrieben eigentlich nur von ganz kleinen Kindern verwendet wird. Oder der „einwärts gedrehte Quergriff mit gestreckten Zeigefinger“. Auch bei diesem sind Arm und Hand nicht abgelegt. Der Stift liegt an der Unterseite des Zeigefingers an, so dass er dessen Verlängerung darstellt. Der Daumen liegt ebenfalls parallel am Stift. Der hintere Stiftschaft wird von den restlichen Fingern gehalten. Es ist offensichtlich, dass diese beiden Stifthaltungen weder Präzision noch kontrollierten Krafteinsatz gewährleisten und bei längerer Betätigung anstrengend sind, weil der Arm in der Luft gehalten wird.

Signale für problematische Stifthaltungen

Gerade diese zwei Stifthaltungen sind natürlich sehr auffällig. Hier ein paar nicht so deutliche Signale, die auf ein Problem hinweisen können, geltend für – bald – schulreife Kinder:

  • ständige oder schnelle Verkrampfung beim Schreiben und Malen
  • eine im Vergleich zu Gleichaltrigen besonders unleserliche Schrift
  • auffällig wenig Lust zum Schreiben und Malen
  • ein klar langsameres Schreibtempo als bei Gleichaltrigen
  • wenn die Hand nicht abgelegt wird und die Bewegung aus Arm und Schulter kommt
  • wenn mit 5 Jahren noch keine sichere Handdominanz (eine Hand wird bevorzugt eingesetzt) besteht
  • wenn die zweite Hand die schreibende Hand stört

Und dann?

Wenn die Abweichungen vom 3-Punktgriff nur leicht sind, können Eltern ruhig erst einmal versuchen, selber ihr Kind zum Ändern der Stifthaltung zu bewegen. Dies sollte ohne Druck geschehen und ohne, dass das Kind eine Besorgtheit der Eltern spürt. Das Kind sollte vielmehr positiv motiviert werden. Wenn es von der ungewöhnlichen Stifthaltung ablässt und die verbesserte Haltung ohne Murren beibehält, hat sich das Thema im Grunde erledigt.

Ansonsten sollte man eine Kinderarztpraxis aufsuchen. Dort muss vor allen Dingen abgeklärt werden, ob eine echte Störung vorliegt. Falsche Stifthaltungen können ein Symptom für ein verborgenes anderes Problem sein. Das ist der wichtigste Grund, Menschen einzuschalten, die sich mit so etwas auskennen.

Wenn sich aus ein paar harmlosen Tests ergibt, dass Handlungsbedarf besteht, wird in den allermeisten Fällen ein Rezept für eine Ergotherapie ausgestellt. Diese wird somit von der Krankenkasse übernommen. In der Ergotherapie ist man auf genau diese Art von Problemen spezialisiert. Dort folgen weitere, noch genauere Tests, die immer wenn möglich in spielerischer Form ablaufen. Je nach Ergebnis wird eine Therapie auf das Kind zugeschnitten oder Rat hinsichtlich anderer Option erteilt.

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Hinter ungewöhnlichen Stifthaltungen kann vieles stecken

Es sind ganz unterschiedliche, auch völlig triviale Ursachen für ungewöhnliche Stifthaltungen möglich. Gar nicht so selten schauen sich Kinder die Art, wie sie einen Stift halten, von einem Elternteil ab. Der Grund kann auch physiologischer Natur und/oder genetisch bedingt sein. Es kommt vor, dass Kinder den Stift genau wie Mama oder Papa halten, weil körperliche Eigenheiten vererbt wurden: Irgendein Gelenk hat zu wenig Spiel, Bänder sind zu straff oder zu locker, Finger sind zu lang oder zu kurz. Die eigenwillige Stifthaltung ist dann lediglich eine Anpassung, weil der 3-Punktgriff unbequem ist. Oft geht das gut, weil sich der Körper ganz von alleine einen alternativen Weg sucht, der funktioniert.

Aber auch Defizite in der Sensomotorik und Wahrnehmung können zu ungewöhnlichen Stifthaltungen führen. Es ist dann meistens viel wichtiger, dass dieser Hintergrund aufgedeckt wird, als dass sich die Schreibhaltung ändert. Man kann dann, das soll keinesfalls zynisch klingen, durchaus froh sein, dass man über die eigenwillige Stifthaltung auf die ernstere Problematik gestoßen ist. Und dennoch: Sehr oft ist das Ganze verhältnismäßig harmlos, und es kann sehr effektiv geholfen werden. Und so gut wie immer ist die Ergotherapie-Praxis die Adresse, wo das Kind am besten aufgehoben ist.

Argumente pro und contra Therapie

Es gibt Menschen, die mit einer ungewöhnlichen Stifthaltungen völlig entspannt und sauber schreiben können. Das ist zwar die Ausnahme aber extrem selten auch wieder nicht. Wenn eine solche Stifthaltung letzten Endes keine spürbare Einschränkung darstellt, könnte man es durchaus dabei belassen. Die Zeiten, in denen Konformität ein Selbstzweck war, sind glücklicherweise vorbei.

Wann sollte die Entscheidung für eine Therapie getroffen werden?

Doch gibt es ja leider auch andere Fälle. Die Entscheidung, den mit einer Therapie verbundenen Aufwand zu betreiben, hängt davon ab, ob und wie sehr die Stifthaltung ein Handicap darstellt. Wenn zunächst keine Probleme bestehen, wäre es dennoch ratsam, fachlichen Rat ernst zu nehmen, wenn vor möglichen ungünstigen Folgen gewarnt wird. Besonders bei Kindern besteht die Möglichkeit, dass sich Beschwerden erst viel später einstellen. Und je fortgeschrittener das Alter, desto schwieriger die Umgewöhnung.

Probleme äußern sich vielleicht auch gar nicht in Form von Schmerz und Verkrampfung. Kinder mit eigenwilligen Stifthaltungen, die sauber und schmerzfrei schreiben, können trotzdem schulisch ins Hintertreffen geraten, weil sie vielleicht langsamer als die anderen schreiben. Sie sind dann ständig unter Zeitdruck und werden dadurch vom Wesentlichen abgelenkt. Gelingt es ihnen, auf eine effektivere Stifthaltung umzusteigen, können sie besser mithalten, sich besser auf Rechtschreibung etc. konzentrieren, und die Schulleistung profitiert davon.

Die richtige Stifthaltung ist eine Chance und kein Zwang

Andererseits können Schmerzen auch überhaupt erst dadurch entstehen, dass auf Gedeih und Verderb versucht wird, einem Kind die vermeintlich richtige Stifthaltung anzugewöhnen. Manchmal passt diese aus individuellen physiologischen Gründen einfach nicht. In solchen Fällen wird von ergotherapeutischer Seite allerdings auch entsprechend darauf eingegangen.

Hört man sich im Internet in den diesbezüglichen Foren um, stößt man auch auf Erfahrungsberichte, allerdings wenige, wonach die Therapie vom Kind nicht gut aufgenommen wurde. Eine Therapie kann das Gefühl wecken, unzureichend zu sein, und somit das Selbstbewusstsein beeinträchtigen. Oft werden den Kindern während der Ergotherapie auch Aufgaben mit nachhause gegeben. In diesem noch so jungen Alter aber ist das für manche eine Belastung. Das kann ihre künftige Einstellung zu eigenständiger Arbeit negativ beeinflussen.

Wieder andere Kinder profitieren sogar über die Haltungsverbesserung hinaus von der Therapie: Sie genießen die Aufmerksamkeit, verbessern allgemein ihre Feinmotorik und lernen früh, sich zu konzentrieren.

Jedes Kind ist ein eigener Mensch, und nichts lässt sich für alle verallgemeinern. Aber im Normalfall bietet eine Therapie keinen Anlass zur Sorge. Die Menschen dort haben eine sehr anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen und sind für den Umgang mit Kindern gut geschult. Und das Wichtigste: Es besteht eine sehr gute Chance, dass das Problem ohne eine nennenswerte Belastung für das Kind verschwindet.

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Fazit

Es ist also – wie so oft – gar nicht so einfach, die richtige Entscheidung für das eigene Kind zu treffen. Wir wollen kein größeres Problem daraus machen, als es ist: Ganz oft kommt es gar nicht zu einem Konflikt. Aber manchmal bleibt es Abwägungssache, und einen Königsweg gibt es nicht. Dann sollte es natürlich immer darum gehen, inwiefern eine Therapie für das Kind belastend wirkt, und wenn ja, ob der Vorteil durch die Therapie diesen Nachteil nicht vielleicht doch überwiegen würde.

Die beste Empfehlung ist wohl, sich erstens fachlich fundierten Rat zu holen. Und zweitens, achtsam zu sein, ein Auge auf die weitere Entwicklung zu haben und darauf, wie es dem Kind damit geht. Dabei ist Gelassenheit geboten, um das Kind nicht zu verunsichern. Ob nun 3-Punkt- oder Faustgriff: Ein Kind sollte doch immer fühlen, dass es angenommen wird, wie es ist.

Quellen und weitere Informationen

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