Aktualisiert am 25. Februar 2026
Ute Steffens ist Erziehungswissenschaftlerin mit einer therapeutischen Ausbildung und einer eigenen Praxis für Erziehungsberatung von Familien in Krisen wie Tod, Trauer, Trennung, die psychische oder lebensbedrohliche Erkrankung eines Familienmitglieds und andere herausfordernde Situationen.

Zudem ist sie Autorin und Bloggerin zu all diesen Themen und bietet interaktive Lesungen, Vorträge und Fortbildungen online und in Präsenz an.
Blog: www.ute-steffens.de
Entwicklungspsychologische Grundlagen der Kindertrauer
In Ihrem aktuellen Fachbuch „Trauer bei Kindern pädagogisch begleiten“ fokussieren Sie sich auf die ersten zehn Lebensjahre. Warum ist gerade diese Altersspanne so entscheidend für die Entwicklung eines gesunden Umgangs mit der Endlichkeit?
Auch wenn der Entwicklungsstand im Einzelfall stark variieren kann, markieren die ersten zehn Lebensjahre das Ende der Kindheit. Grundsätzliche Reifungs- und Entwicklungsprozesse sind in dieser Zeit so weit gediehen, dass die Schwelle zum Erwachsenwerden erreicht ist. Auch für die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Tod und Trauer im Kindesalter bedeutet dies eine Zäsur, denn innerhalb dieses Zeitraums entwachsen Kinder dem rein intuitiven Todesverständnis. Sie begreifen die Endlichkeit nun viel rationaler und sind damit einer Reflexion und der Veränderung entwicklungsbedingter bzw. biografisch bedingter Ängsten viel zugänglicher.
Während der ersten zehn Lebensjahre brauchen Kinder besonders intensive Begleitung durch die Familie und pädagogische Fachkräfte.
Sie beschreiben Trauer nicht als linearen Prozess, sondern nutzen das Bild der „Wendeltreppe“. Wie hilft dieses Modell Lehrkräften dabei, scheinbare Verhaltensrückschritte eines Kindes empathisch einzuordnen?
Ich habe dieses Bild gewählt, weil es verdeutlicht, dass Trauer kein Prozess ist, der irgendwann einfach abgeschlossen ist. Die Stufen stehen für typische Themen und Phasen des Trauerprozesses, die Schritt für Schritt eine andere Ebene erreichen. Damit möchte ich verdeutlichen, dass die verschiedenen Aspekte von Trauer zwar in ihrer Verarbeitung stetig eine höhere Ebene erreicht, doch endgültig aufgelöst wird die Trauer um einen geliebten Menschen niemals. Dies Erfahrung wird in die Persönlichkeit integriert und bleibt bei wichtigen Verlusterfahrungen wirksam.
Die menschliche Entwicklung vollzieht sich in Phasen, für die sich jeweils typische Konflikte, Ängste, Glaubenssätze und Befriedigungsmuster beschreiben lassen. Man muss wissen, dass keine dieser Phasen und Entwicklungsaufgaben jemals ganz abgeschlossen ist. Besonders in Krisen, bei Überforderung, Trauer oder Erschöpfung werden wir auf typische Verhaltensweisen und Glaubenssätze zurückliegender Entwicklungsphasen zurückgeworfen. Diesen Vorgang bezeichnet man in der Psychologie als „Regression“.
Ein typisches Beispiel bei Kindern im Kindergartenalter ist, dass sie nach dem Tod eines geliebten Menschen wieder nach der Flasche verlangen. Obwohl sie die Phase des Säuglings längst überwunden haben, fallen sie nun dahin zurück.

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Ein zentraler Begriff Ihrer Arbeit ist die „Objektkonstanz“, also das bewahrte innere Bild des Verstorbenen. Welche pädagogischen Fehler sollten wir vermeiden, um dieses für die Identität des Kindes so wichtige Bild nicht zu zerstören?
Ich habe in einer Fortbildung erlebt, dass eine pädagogische Fachkraft sagte: „Anders als bei einer Trennung, wo der Vater ja noch da ist, hat ein Kind, dessen Vater verstorben ist, ja tatsächlich keinen Vater mehr.“ Trauernde Kinder suchen Trost in Spuren der verstorbenen Bezugspersonen. Kleidungsstücke, Fotos, Gespräche über die Verstorbenen, Sprachaufzeichnungen, all das dient letztlich dazu, emotionale Resonanz im Innern zu erzeugen, das innere Bild abzurufen, sich der Konstanz des inneren Bildes zu vergewissern. Die verstorbene Person ist nicht einfach weg – um es umgangssprachlich auszudrücken: Sie lebt im Herzen des Kindes weiter. Dieses innere Bild, das unabhängig von der körperlichen Anwesenheit eines Menschen existiert, bezeichnet man in der Psychologie als „Objektkonstanz“. Es entwickelt sich mit etwa zwei Jahren.

In Ihrem Bilderbuch „Jakob kann zaubern“ thematisieren Sie das „magische Denken“. Inwieweit müssen Grundschullehrkräfte dieses Phänomen verstehen, um unbewusste Schuldgefühle bei trauernden Kindern frühzeitig zu erkennen?
Für das Kindergartenalter ist das sogenannte „magische Denken“ charakteristisch. Der Glaube, Kinder könnten die Realität Kraft ihrer Gedanken und Wünsche beeinflussen, ist auch im Grundschulalter noch sehr lebendig. Zusammen mit der besonders für kleine Kinder typischen Egozentrik, die sie alle Geschehnisse auf sich beziehen lässt, führt dies dazu, dass Kinder sich an überwältigenden Ereignissen wie dem Tod einer wichtigen Bezugsperson spontan schuldig fühlen. Sie haben das Gefühl, nicht brav genug gewesen oder zu wenig aufmerksam gewesen zu sein, um den Tod zu verhindern. Für trauernde Kinder bedeutet dies, dass sie beispielweise vermuten, ihre Eifersucht auf ein lebensbedrohlich erkranktes Geschwisterkind könne zu dessen Tod geführt haben. Brauchen Kinder im Zusammenhang mit einem Todesfall plötzlich wieder ein Kuscheltier, das sie in die Schule begleiten soll, nässen sie wieder ein oder suchen auffällig die Nähe zur Lehrkraft, anstatt sich Gleichaltrigen anzuschließen, so ist handelt es sich um eine Regression. Dies müssen wir als einen Selbstheilungsversuch, einen Versuch sich selbst zu trösten und als Ausdruck ihres Wunsches nach Halt und Sicherheit betrachten. Fallen trauernde Kinder plötzlich durch dissoziales Verhalten, kleinere Diebstähle oder ähnliches auf, so kann dies Ausdruck eines erdrückenden – dem magischen Denken geschuldeten – Schuldgefühls sein. Ein Wunsch nach Bestrafung für ihre vermeintliche Schuld. Doch pädagogische Fachkräfte können hier wirkungsvoll präventiv agieren, indem sie beispielsweise Stehgreifgeschichten davon erzählen, dass Kinder niemals Schuld am Tod eines geliebten Menschen haben.
Pädagogisches Handeln zwischen Lehrplan und Trauerwelle
Berichten Sie bitte aus Ihrer konkreten Erfahrung in der Fortbildung von Fachkräften: Was ist die größte Hürde für Pädagogen, wenn sie dem „Elefanten im Raum“ – dem Tod – in der Schule ein Gesicht geben sollen?
Die Praxis zeigt, dass Pädagog:innen, die mit Kindern zum Thema Tod und Trauer arbeiten wollen oder sich aus gegebenem Anlass diesen Themen stellen müssen, nicht umhinkommen, sich ihre persönlichen Erfahrungen und ihre persönliche Haltung bewusst zu machen. Tun sie das nicht, schaffen sie es nicht, authentisch zu sein. Und Authentizität ist unerlässliche Voraussetzung für eine professionelle Beziehung oder Bindung – gerade im Zusammenhang mit solch existenziellen Fragen. Professionelle Authentizität zeichnet sich dadurch aus, sich eigener Handlungen und Motive bewusst zu werden, um dann aus der pädagogischen Verantwortung heraus zu entscheiden, was davon sie kindgerecht in die Kommunikation mit trauernden Kindern einbringen können. Gerade im Zusammenhang mit dem Tod, von dem auch Erwachsene nur vermuten oder glauben können, was genau das bedeutet, ist es wichtig, dass wir dies deutlich machen.

Welche Beobachtungen machen Sie in Ihrer Praxis bezüglich somatischer Beschwerden wie Bauchschmerzen bei Schülern, die ihre psychische Not noch nicht in Worte fassen können?
Zu Beginn des Lebens sind Körper und Seele, fachlich: Psyche und Soma, noch nicht differenziert. Babys haben noch keinen Zeitbegriff. Alle Zustände, in denen es Hunger oder Angst verspürt, scheinen ewig zu dauern. Das Baby wird eins mit seiner Angst, seinem Schmerz, seinem Hunger, und erst über die zuverlässige Erfahrung, dass seine Bedürfnisse regelmäßig gestillt werden, entwickelt es Vertrauen, das sogenannte „Urvertrauen“ in sich und die Welt. Erlebt ein Schulkind ein Ereignis, das ihn genauso überwältigt wie diese erste Erfahrungen, die sich in sein Körpergedächtnis eingebrannt haben, dann erlebt es diesen seelischen Schmerz körperlich. Es hat „Bauchweh“, weil es den Schmerz nicht anders verorten kann.
Sie betonen oft, dass „Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht“. Wie können Lehrer den nötigen Raum für das individuelle Tempo eines Kindes schaffen, wenn der Schulalltag eigentlich strikte Taktung verlangt?
In jedem Fall ist es gut, die Klasse auf den Verlust eines ihrer Klassenkamerad:innen einzustimmen. Vielleicht wollen die Kinder ein Bild für das trauernde Kind malen oder ein paar Zeilen schreiben. Damit liegt das Thema auf dem Tisch, wenn das betroffene Kind wieder in die Schule zurückkehrt.
Eine Klassenlehrerstunde, eine Verfügungsstunde oder eine Stunde im Religionsunterricht sollte dem aktuellen Trauerfall und dem Thema Tod und Trauer dann gewidmet werden, gut wäre eine Doppelstunde. Die wichtigste Frage nach der Schuld eines Kindes sollte hier thematisiert, und das Angebot platziert werden, dass das betroffene Kind jederzeit bei der Klassenlehrerin, dem Religionslehrer ein offenes Ohr findet. Gut wäre es, wenn es in der Schulbibliothek Bücher zu diesem Thema gibt. Es sollte klar erkennbar sein, dass die Trauer bekannt und kein Tabu ist, und dass dem Kind jederzeit alle Türen offenstehen, das Gesprächsangebot anzunehmen.

Häufig wird befürchtet, Lehrer müssten zu Therapeuten werden. Warum reicht es laut Ihrem Ansatz oft schon aus, als pädagogische Bezugsperson lediglich „den Ball aufzufangen“, den das Kind einem zuspielt?
Lehrkäfte sind keine Therapeut:innen. Selbst, wenn sie eine Ausbildung haben, würden therapeutische Interventionen zu einer Verunsicherung des Kindes durch die damit einhergehende Rollendiffusion führen. Lehrkräfte haben im Idealfall eine professionelle Nähe zu ihren Schüler:innen, die es ihnen erlaubt, dem Kind mitfühlend und zugleich außerhalb der aufwühlenden Gefühle stehend authentisch gegenüberzutreten. Damit bauen sie dem Kind im Idealfall eine Brücke, die überfordernden Ereignisse aus einer etwas größeren Distanz betrachten zu können während sie zugleich vermitteln, dass das Kind sich verstanden und sicher fühlt. Die Routine des Schulalltags stellt immer auch einen wohltuenden Gegenpol zur emotional aufgeheizten Atmosphäre im Trauerhaus dar, in dem mit dem Todesfall mit einem Mal nichts mehr so ist wie es vorher war.
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Systemische Begleitung und institutionelle Verankerung
Ihr Werk bietet ganz konkrete Impulse für rituelle Gedenkformen. Welches kleine Ritual lässt sich Ihrer Erfahrung nach besonders wirkungsvoll in eine Klassengemeinschaft integrieren, um Berührungsängste abzubauen?
Wenn ein Mitarbeiter oder ein Kind aus der Klasse gestorben ist, dann ist es gut, wenn die Kinder ihren Gefühlen und Gedanken in einem Gesprächskreis Ausdruck geben können. So haben sie den Raum, zu erzählen, was sie selbst in diesem Zusammenhang schon gehört haben und eigene Ideen für die Gestaltung eines kleinen Trauertischchens beizutragen, das sie gemeinsam aufstellen, mit einem schönen Tuch, einem Foto des Kindes und einer Kerze, die die Kinder evtl. gemeinsam verzieren.

Sie sind zudem Expertin für Trennungskinder. Welche Parallelen im Bindungserleben ziehen Sie zwischen dem Verlust durch eine Scheidung und dem endgültigen Abschied durch den Tod?
Der Tod eines geliebten Menschen ist endgültig. Zwar hat er uns geprägt und wir bewahren sein Andenken in unserem Innern, aber wir haben kein reales Gegenüber mehr, mit dem wir uns austauschen können.
Für Trennungskinder bedeutet eine räumliche Trennung von einem Elternteil, selbst, wenn dies große Distanzen oder wenig gemeinsame Zeit mit sich bringt, wenn es gut läuft, „nur“ eine Veränderung. Die ganz reale Beziehung zwischen dem Kind und seinen Eltern verändert sich. Das bedeutet in vielen Fällen sogar, dass sich die Beziehung intensiviert.
Wie gestalten Pädagogen ein „sensibles Elterngespräch“, wenn die gesamte Familie unter Schock steht und die Schule eigentlich als stabilisierender „sicherer Hafen“ fungieren soll?
Trauernde Eltern sollten niemals zu einem Elterngespräch einbestellt werden. Als sinnvoll dagegen hat sich ein Hausbesuch der Klassenlehrkraft erwiesen. Ein Besuch, bei dem sie vielleicht nicht nur ihr Mitgefühl und das der Klasse übermittelt, sondern auch einen Umschlag mit Bildern oder Briefen der Mitschüler:innen übergibt. Das signalisiert der trauerden Familie Mitgefühl und die Sicherheit, dass das trauernde Kind mit seinen Bedürfnissen gesehen wird. Die Lehrkraft kann dies auch noch einmal ausdrücklich formulieren und versprechen, sich zu melden, wenn sie Gesprächsbedarf im Zusammenhang mit dem Todesereignis sieht.

Zum Abschluss: Wie können Fachkräfte die Balance zwischen emotionaler Nähe und professioneller Distanz wahren, um bei der Begleitung schwerer Schicksalsschläge nicht selbst auszubrennen?
Am besten gelingt dies, wenn sich Lehrkräfte den Wert ihrer originären pädagogischen Arbeit bewusst machen. Indem sie sich im Wesentlichen darauf konzentrieren, schaffen sie allein schon durch die Alltagsroutinen und Rituale einen sicheren Raum für ihre Schüler:innen. Wenn sie dann noch Mitgefühl aus einer professionellen Nähe heraus vermitteln und inhaltlich im Rahmen ihrer schulischen Möglichkeiten dafür sorgen, dass Tod und Sterben in ihrer Schule kein Tabu sind, dann geben sie trauernden Kindern einen unglaublich wichtigen, sicheren Raum mit vertrauenswürdigen Ansprechpartner:innen. Sie machen damit Angebote, die ein betroffenes Kinder nutzen kann , aber nicht nutzen muss.
Bildquellen
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Quellen
- www.ute-steffens.de
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- Threads: trennungskinder
- https://www.herder.de/kindergarten-paedagogik/shop/p1/72149-trauer-bei-kindern-paedagogisch-begleiten-kartonierte-ausgabe/
- https://www.carlsen.de/hardcover/jakob-kann-zaubern/978-3-551-52256-6
- https://www.herder.de/kindergarten-paedagogik/shop/p1/78187-trennungskinder-begleiten-kartonierte-ausgabe/
- https://claus-verlag.de/mit-kindern-durch-die-trennung/


Liebe Frau Steffens, vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag zum Nachdenken. Schon beim Lesen wird klar, dem Thema aus dem Weg gehen lässt alle verstummen, wie schön, sie geben Sicherheit, fördern eigene Ideen für den Umgang / die Gespräche / das eigene Fortkommen zu dem Thema