Freinet Pädagogik: zum Glück noch nicht vergessen

Die Freinet Pädagogik teilt mit den meisten anderen reformpädagogischen Ansätzen den zentralen Gedanken, dass die soziale Umgebung eines Kindes dessen gesamte Entwicklung prägt. Deswegen geht die Aufgabe einer pädagogischen Institution weit über bloße Wissensvermittlung hinaus. Die Schule soll von den Kindern als Gemeinschaft empfunden werden. Und die Lehrkräfte sollen ihnen hilfreich zur Seite stehen, so dass sie sich zu selbstständig denkenden und eigenverantwortlich handelnden Menschen entwickeln können. Ziel ist eine optimale Lebensvorbereitung.

Selbst geplante Arbeitsprojekte statt trockener Wissensweitergabe

Die Freinet Pädagogik dreht sich um praktische Arbeit in Selbstorganisation. Dahinter steckt die Überzeugung, dass Wissens- und Kompetenzaneignung über die praktische Beschäftigung mit einem Thema fundierter und nachhaltiger sind als über konventionelle Unterrichtsweise. Die Arbeitsprojekte sollen außerdem dafür sorgen, dass das Lernen einen Bezug zum echten Leben bekommt. In der Freinet Pädagogik gilt Arbeit als sinngebend und motivierend, nicht zuletzt weil die Erledigung selbst gestellter Aufgaben die Schülerinnen und Schüler mit großer Befriedigung und Stolz auf die eigene Leistung erfüllt.

In Versammlungen werden gemeinsam Aufgaben verteilt und Arbeitspläne aufgestellt. Aber die einzelnen Kinder entscheiden für sich selbst, was sie sich für die Woche vornehmen. Sie halten ihre Fortschritte schriftlich fest und schätzen die Qualität ihrer Leistungen anhand dessen selbst ein.

Die Ausstattung der Schule soll den Schülerinnen und Schülern (in Form von Räumlichkeiten, zeitlicher Freiheit, Material und Werkzeug) die Möglichkeit bieten, sich von ihren Interessen leiten zu lassen und über die Praxis in ein Thema zu vertiefen. Ebenso wie Exkursionen einen weiteren Bestandteil des Lernens in der Freinet Pädagogik ausmachen, wird auch alles andere begrüßt, das einen praktischen Bezug zum echten Leben herstellt. Auch Haushaltsarbeiten wie Nähen und Kochen gehören zu solchen Tätigkeiten.

Auch gemeinsames Kochen hat in der Freinet Pädagogik seinen Platz

Der Arbeitsbegriff in der Freinet Pädagogik

Freinet unterschied zwischen Arbeit mit Spielcharakter, Spiele mit Arbeitscharakter und Spiele zur Entspannung. Der Aspekt des Spielens ist also überall enthalten ist. Dies zu erwähnen, ist wohl wichtig, um Missverständnissen vorzubeugen, weil immerzu vom Arbeiten gesprochen wird. Alles in der Freinet Pädagogik zielt auf das Wohl des Kindes ab. Also sollen die Schülerinnen und Schüler selbstverständlich nicht zur Arbeit getrieben werden. Sie sollen sich mit den Dingen beschäftigen, die sie interessieren. Spiel schafft hierfür oft den Zugang.

Ursprung der Freinet Pädagogik

Celestin Freinets pädagogischer Ansatz hat sehr viel mit seiner Biografie zu tun. Er wurde 1896 in Frankreich geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend auf dem Land. Dort prägten ihn die Naturverbundenheit und die auf Solidarität fußende dörfliche Gemeinschaft. Zugleich frustrierte ihn das autoritäre Schulsystem. Er verglich die Schule mit einer Kaserne und empfand den Großteil der dortigen Arbeiten als sinnlos. Die kärgliche Ausstattung und die düsteren Räumlichkeiten der Schule deprimierten ihn.

Vom Wunsch geleitet, es besser machen, strebte Freinet selber den Lehrerberuf an, studierte und unterrichtete bereits aushilfsweise parallel zum Studium. Doch dann brach der 1. Weltkrieg aus. Freinet wurde an die Front geschickt, noch bevor er seinen Abschluss machen konnte. Dort traf ihn ein Schuss in die Lunge. Er überlebte, litt aber in der Folge unter Schweratmigkeit und sah sich außer Lage, lange und laut zu reden. Dieser Umstand hatte durchaus Einfluss darauf, dass Freinet eine Pädagogik entwickelte, die von der üblichen Form des Frontalunterrichts abwich.

Freinet Pädagogik setzt auf Flexibilität statt verbindliche Theorie

Dass kein schriftlich ausformuliertes und als bindend begriffenes Konzept der Freinet Pädagogik existiert, sagt schon viel über diese aus. Freinet war Praktiker. Daraus abzuleiten, sein pädagogischer Ansatz sei unausgegoren, wäre allerdings ein Fehler. Freinet entwickelte seine Gedanken zu einer besseren und kindgerechten Pädagogik auf Basis persönlicher Erfahrungen, sorgfältiger Reflexion und der Beschäftigung mit bereits existierenden reformpädagogischen Konzepten. Unter anderem kam er zu der wichtigen Einsicht, dass auch ein gut funktionierender erzieherischer Ansatz immer flexibel bleiben sollte.

Da die Zeit nicht stehen bleibt und stets für neue Umstände sorgt, sollte die Freinet Pädagogik sich an den Fortschritt anpassen können. Freinet besaß die Offenheit, dem eigenen Konzept auch bewährte Elemente beizufügen, die von anderen entwickelt wurden. Eine feste Formulierung von Prinzipien und somit ein Festklammern an denselben hätte dem wichtigen Grundgedanken von Flexibilität und Lernfähigkeit widersprochen.

Freinets Ansatz lässt sich daher als eine dynamische Pädagogik bezeichnen. Die Dynamik kommt in der Hauptsache durch das Dazulernen in der Praxis, die individuellen Interessen der Kinder und die Offenheit gegenüber neuen Gedanken zustande.

Die Rolle der Lehrkraft in der Freinet Pädagogik

Das Fehlen fester Formulierungen und die erwünschte Offenheit führen dazu, dass den Lehrkräften hohe Flexibilität und Achtsamkeit abverlangt wird. Sie sollen pädagogischer Begleiter sein, aber nicht nach streng festgelegten Vorgehensweisen. Sie sollen stets wach für die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schülern sein. Nur so können sie der Individualität der Kinder gerecht werden. Zum Beispiel kann sich nicht jedes Kind gleichermaßen gut selbst organisieren. Deswegen sollten die Lehrkräfte immer bereit stehen, um Lernprozesse anzuregen und Hilfestellung zu leisten – je nach Bedarf weniger oder mehr. Diesem hohen Anspruch gerecht zu werden ist schwer, führt aber auch dazu, dass die Lehrtätigkeit als besonders befriedigend und erfüllend empfunden wird.

Die Selbstorganisation in der Freinet Pädagogik

In der Freinet Pädagogik ist es von entscheidender Bedeutung, dass sich die Schülerinnen und Schüler ihre Projekte, Lernziele und Inhalte gemeinsam organisieren (gegebenenfalls mit Hilfestellung). Eine Schule ist eine Kooperative mit Klassenräten. Auf Versammlungen werden Ämter und Aufgaben verteilt. Organisatorische Entscheidungen werden nach demokratischen Prinzipien getroffen. Die Kinder bestimmen selbst über ihre Vorhaben und geben sich untereinander Rückmeldungen. Sie lernen dadurch auch, sich Kritik zu stellen und damit umzugehen.

In der Freinet Pädagogik wird auch gerne draußen gearbeitet

Die Räumlichkeiten in der Freinet Pädagogik

Auch um die Arbeitsumgebung hat sich Freinet viele Gedanken gemacht. Sie soll eine gute Atmosphäre schaffen und es den Kindern ermöglichen, sich zu konzentrieren, sich aber auch gegenseitig bei ihren jeweiligen Projekten zu besuchen. Im Idealfall sollte das ganze Schulgelände nach diesem Prinzip gestaltet sein. Die Schule soll keinesfalls eine Institution sein, die nur missmutig besucht wird, sondern als eine Schulgemeinschaft empfunden werden. Hierfür sind der ständige Kontakt und problemlose Austausch wichtig.

Freinet bezeichnete die Räume als Ateliers, die jeweils auf eine bestimmte Thematik bezogen ausgestattet sein sollten. Er schlug folgende Aufteilung vor:

  • (im Außenbereich) Feldarbeit und Aufzucht
  • Schmiede und Schreinerei
  • Weben, Sticken, Nähen, Haushalt
  • Konstruktion, Handwerk, Handel
  • Nachforschung, Kenntnisse, Dokumentation
  • Versuche
  • Schöpferisches Tun, künstlerische Ausdrucks- und Kommunikationsverfahren
  • Schöpferisches Tun, Ausdruck und graphische Kommunikation

Zum letzten aufgeführten Punkt sollte die Schuldruckerei erwähnt werden. Sie ist wichtig für das Dokumentieren der Projekte, sie ermöglicht das Erstellen einer sogenannten Wandzeitung, die wiederum zum Austausch, zum Zusammenhalt, zur Information und Organisation beiträgt.

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Ist die Freinet Pädagogik politisch gefärbt?

Freinet war Sozialist. Sein politischer Hintergrund wurde, gerade im Kontext der Erziehung, von einigen kritisch gesehen. Aber er lehnte offen jegliche Beeinflussung des pädagogischen Prozesses durch religiöse und politische Strömungen ab.

Den Schülerinnen und Schülern sollen durch die selbstständige Organisation des Miteinanders mündiges und demokratisches Denken vermittelt werden. Manipulation oder Indoktrination hingegen widersprachen Freinets Grundhaltung. Er machte schlechte Erfahrungen mit Propaganda und Hysterie im Vorfeld des Krieges und währenddessen. Nicht zuletzt daher rührte seine friedenspolitische Einstellung und ein Hang zur Internationalität. Seinen pädagogischen Ansatz hielt er jedoch von politischen Ansichten und jeglichem Dogma frei.

Quellen und weitere Informationen

  • https://docplayer.org/22354597-Universitaet-osnabrueck-thema-freinet-paedagogik-zwischen-anspruch-und-wirklichkeit-ein-vergleich-der-umsetzung-in-deutschen.html
  • https://kindergartenpaedagogik.de/fachartikel/paedagogische-ansaetze/moderne-paedagogische-ansaetze/403
  • https://freinet-kooperative.de/

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