Experteninterview: David Falkenberg über Kon-Lab – Kon-Lab verstehen, Sprachentwicklung gezielt fördern

Aktualisiert am 8. April 2026

Wie erwerben Kinder Sprache – und wie können wir sie dabei optimal unterstützen?

David Falkenberg absolvierte von 1991 bis 1994 seine Ausbildung zum staatlich anerkannten Logopäden am Werner-Otto-Institut in Hamburg. Anschließend sammelte er berufliche Erfahrung in mehreren logopädischen Praxen in Köln und Düsseldorf, bevor er sich 1998 in Grevenbroich selbstständig machte.

Ein zentraler Schwerpunkt seiner therapeutischen Arbeit liegt in der Behandlung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen sowie mit auditiven Wahrnehmungsstörungen. In den vergangenen Jahren hat zudem die Arbeit mit Kindern, die Deutsch als Zweitsprache erwerben, sowie mit Kindern mit Lese-Rechtschreibstörungen deutlich an Bedeutung gewonnen. Passend dazu absolvierte er 2004 die Weiterbildung zum Lerntherapeuten/LRS und 2007 die Qualifikation zum Fachtherapeuten Kon-Lab.

Seit 2008 ist Herr Falkenberg zudem als Kon-Lab-Multiplikator tätig und bietet Fortbildungen zu den Themen Kon-Lab sowie zur Bedeutung des Sprachrhythmus (Prosodie) für den Schriftspracherwerb an.

www.sprachlotse-grevenbroich.de


Im Gespräch mit Maja Ullrich (Inhaberin des Fortbildungsinstituts für Sprachtherapie Logotrain) gibt Logopäde und Kon-Lab-Dozent David Falkenberg spannende Einblicke in ein Therapiekonzept, das sich konsequent am natürlichen Spracherwerb orientiert.

Interviewerin: Maja Ullrich
Interviewpartner: David Falkenberg


Einleitung

Herzlich willkommen! Mein Name ist Maja Ullrich, ich leite das Fortbildungsinstitut Logotrain. Wir bieten spezialisierte Seminare für Logopäd:innen und angrenzende Berufsgruppen an.

In diesem Fachgespräch begrüße ich David Falkenberg, unseren erfahrenen Dozenten für Fortbildungen im Bereich der Kon-Lab-Therapie.

Im Rahmen unserer Kooperation mit dem Verlag SpielundLern entstand die Idee zu diesem Interview über Kon-Lab. Der Verlag vertreibt das umfassende Kon-Lab-Spielmaterial.

David, magst du dich kurz vorstellen?

Vorstellung

Sehr gerne. Mein Name ist David Falkenberg. Vielen Dank für die Einladung – ich freue mich, heute Einblicke in das Kon-Lab-Sprachtherapieprogramm geben zu dürfen. Ich bin seit 1994 Logopäde und seit 1998 in eigener Praxis tätig. Mein Schwerpunkt liegt auf der Behandlung von Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen, den sogenannten Late Talkern.

Seit 2008 bin ich zudem Kon-Lab-Dozent und biete entsprechende Fortbildungen an. Dabei verstehe ich mich in erster Linie als Therapeut und weniger als Theoretiker: Alles, was ich in meinen Fortbildungen vermittle, wende ich täglich in der Praxis an. Dadurch kenne ich das Programm sehr genau – aus der praktischen Arbeit heraus.

Was ist der Kon-Lab-Ansatz?

Was ist der Kon-Lab-Ansatz?

Das Besondere am Kon-Lab-Sprachtherapieprogramm ist im Grunde etwas sehr Naheliegendes: Es orientiert sich am natürlichen, also physiologischen Spracherwerb – von der Silbe bis hin zum Nebensatz.

Der Kon-Lab Ansatz stellt sich die Frage: Wie wird Sprache auf natürlichem Weg erworben? In welcher Reihenfolge entwickeln sich welche sprachlichen Fähigkeiten? Auf dieser Grundlage haben wir die Möglichkeit – nach einer ausführlichen Diagnostik – genau an der entsprechenden Schnittstelle, an der es Probleme gibt, mit dem Programm einzusteigen und zielgerichtet zu fördern.

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Prosodie – also der Sprachrhythmus. Das typische Betonungsmuster der Muttersprache ist für den Spracherwerb von entscheidender Bedeutung.

Bedeutung der Prosodie

Welche Bedeutung hat die Prosodie für den Spracherwerb?

Um das zu verdeutlichen, mache ich gerne ein kleines Experiment mit dir. Ich spiele dir einen Satz auf Griechisch vor. Du versuchst herauszufinden, aus wie vielen Wörtern der Satz besteht:

Καλημέρασαςκαλωσορίζωστησυνέντευξη.  

Wenn du einen Satz hörst, bei dem du die Sprache nicht kennst, fällt es dir schwer zu erkennen, wie viele Wörter er enthält!

Der Grund ist: Du kannst die Wortgrenzen nicht identifizieren. Du weißt nicht, wo ein Wort beginnt und wo es endet.

Genau diese Fähigkeit ist jedoch zentral für den Spracherwerb. Erst wenn ich Wörter aus dem Redefluss herausfiltern kann, verstehe ich überhaupt, wie Sprache aufgebaut ist.

Noch bevor Kinder Inhalte verstehen, lernen sie zunächst, Wortgrenzen zu erkennen – und dabei hilft ihnen der Sprachrhythmus. Im Deutschen das Betonungsmuster des Trochäus.

Das Betonungsmuster im Deutschen – der Trochäus

Was ist das typische Betonungsmuster des Deutschen?

Im Deutschen dominiert der sogenannte Trochäus. Das bedeutet: ein zweisilbiges Wort mit Betonung auf der ersten Silbe.

Etwa 98 % des ursprünglich deutschen Wortschatzes folgen diesem Muster – zum Beispiel Kiste, Lampe, Nase, Hose oder Vase.

Dabei ist die erste Silbe betont und lang, die zweite unbetont und kurz. Die zweite Silbe enthält häufig den sogenannten Schwa-Laut Ə.

In anderen Sprachen, wie etwa dem Türkischen, ist das anders organisiert. Das Türkische kennt den Schwa-Laut nicht und im Türkischen ist die Zeitverteilung auch eine andere.

Das kann dazu führen, dass Namen oder Wörter anders gesprochen werden. Ich erinnere mich an eine Teilnehmerin namens Ayşe, die sagte: „Jetzt verstehe ich, warum ihr meinen Namen immer falsch aussprecht.“
Wir hatten ihren Namen Ayşe  (gesprochen „Aischee“) unbewusst an das deutsche Betonungsmuster angepasst: AischƏ.

Sprachrhythmus und Regelbildung

Kannst du ein Beispiel geben, welchen Vorteil es hat, wenn Kinder ein gutes Sprachrhythmusgefühl haben?

Sehr gerne. Das betrifft übrigens nicht nur Kinder, sondern begleitet uns ein Leben lang.

Wir machen ein kleines Experiment:
„Das ist ein Nasil. Das ist auch ein Nasil. Das sind zwei …?“

Nasile.

Genau! Und das ist ein Schrimer. Das ist auch ein Schrimer. Das sind zwei …?

Schrimer.

Verrückt: Du hast jetzt zwei Wörter korrekt in den Plural gesetzt, die du vorher noch nie gehört hast. Und genau an diesen Punkt möchte ich mit meinen Therapiekindern kommen. Ich möchte, dass die Kinder bei mir in der Therapie lernen, eine sprachliche Regel anzuwenden, die Sie auf immer neue Wörter übertragen können. Das erspart auswendig lernen.

Wie funktioniert das, was du gerade gemacht hast? Im Prinzip ist es hier auch wieder ganz einfach. Bei der Pluralbildung – wie in viele Bereichen der deutschen Sprache – benutzen wir ein bestimmtes Betonungsmuster: den Trochäus. Also ein zweisilbiges Wort mit Betonung auf der ersten Silbe.

Ich erkläre das an zwei real existierenden Wörtern und begleite das rhythmisch durch Klatschen, so wie ich das auch in der Therapie mache.

Indem ich sage, das ist ein Pinsel, das ist auch ein Pinsel, das sind zusammen zwei …? Pinsel.

Oder ich sage, das ist ein Hund, das ist auch ein Hund, das sind zusammen zwei …? Hund…Ə!

Das Rhythmusgefühl sagt dir, du brauchst im Plural immer am Ende eine kurze, unbetonte Silbe, häufig mit Schwa-Laut Ə.

Für wen ist Kon-Lab geeignet?

Für welche Patientinnen und Patienten ist der Kon-Lab-Ansatz geeignet?

Das Programm eignet sich vor allem für deutschsprachige Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen, insbesondere Late Talker – ab etwa zweieinhalb Jahren.

Es ist aber auch gut einsetzbar bei Kindern, die Deutsch als Zweitsprache erwerben – sowohl mit als auch ohne zusätzliche Sprachentwicklungsstörung.

Darüber hinaus kann Kon-Lab auch im Grundschulalter sinnvoll sein, etwa bei Schwierigkeiten mit Artikeln, Präpositionen oder dem Verständnis von W-Fragen.

Insgesamt liegt die Altersspanne ungefähr zwischen zweieinhalb und acht oder neun Jahren.

Bezug zum Schriftspracherwerb

Kann man den Ansatz auch für den Schriftspracherwerb nutzen?

Ja, auf jeden Fall. Viele Rechtschreibregeln – etwa zur Dehnung oder Dopplung – sind teilweise ebenfalls sprachrhythmisch organisiert.

Kinder profitieren sehr, wenn sie ein gutes Rhythmusgefühl für diese Strukturen entwickeln.

Die Fortbildung zum Kon-Lab-Fachtherapeuten bei Logotrain

Wir bieten seit diesem Jahr bei Logotrain den Kon-Lab-Fachtherapeuten an. Was beinhaltet die Fortbildung?

Die Fortbildung besteht aus vier Modulen:

  • Modul 1: Sprachrhythmus und Prosodie – das Herzstück des Programms
  • Modul 2: Kognition und Wortschatzerwerb
  • Modul 3: Grammatik, z. B. Satzbau, Artikel, Präpositionen und W-Fragen
  • Modul 4: Supervision mit Fallbesprechungen

Besonders wichtig ist mir der Praxisbezug: Theorie und praktische Anwendung sind eng miteinander verknüpft. Die Teilnehmenden lernen das gesamte Kon-Lab-Programm – von der Silbe bis zum Nebensatz – inklusive Materialeinsatz kennen.

Gibt es eine Prüfung am Ende der Fortbildung?

Gibt es am Ende eine Prüfung?

Nein, es gibt keinen abschließenden Test.

Besonderheiten der Fortbildung zum Fachtherapeuten

Was ist das Besondere an der Fortbildung zum Fachtherapeuten?

Vor allem das Supervisionsmodul. Dort begleite ich die Teilnehmenden intensiv, bespreche konkrete Fälle und gebe individuelles Feedback.

Zusätzlich gibt es ein Forum zum Austausch, in dem ich ebenfalls aktiv bin. Diese Kombination ermöglicht eine nachhaltige fachliche Begleitung.

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Warum Präsenzveranstaltungen?

Warum findet die Fortbildung ausschließlich in Präsenz bei Logotrain statt?

Die enge Verzahnung von Theorie und Praxis – insbesondere im Umgang mit dem Kon-Lab-Material – lässt sich aktuell am besten in Präsenz umsetzen.

Die Teilnehmenden arbeiten direkt mit dem Material und wenden Inhalte sofort an. Dadurch entsteht ein viel tieferes Verständnis.

Ich bekomme oft die Rückmeldung: „Jetzt verstehe ich erst, worum es wirklich geht.“ – und das bestätigt mich in diesem Format.

Einblick in das Material

Kannst du uns kurz zeigen, wie das Material funktioniert?

Gerne. Ich arbeite häufig mit Rhythmuskarten im Prosodie Training. Diese haben einen großen roten Punkt oder einen großen und einen kleinen roten Punkt. Der große rote Punkt steht für Einsilber mit einer Betonung (z.B. Kran), die Karte mit dem großen und dem kleinen roten Punkt visualisiert die zweisilbigen Wörter mit Anfangsbetonung (z.B. Lampe) und einer unbetonten Endsilbe.

Das Kind lernt zunächst, unterschiedliche Rhythmusmuster zu hören – zum Beispiel einsilbige Wörter oder zweisilbige Wörter mit Anfangsbetonung. Es soll die abgebildeten Wörter den Rhythmuskarten zuordnen.

Langfristig soll es allein am Klang erkennen können, welches Muster vorliegt – auch bei neuen Wörtern. So wird Sprachrhythmus systematisch aufgebaut.

Abschluss

Vielen Dank für das interessante Gespräch. Ich freue mich, dich bald wieder bei Logotrain in den Fortbildungen zum Kon-Lab-Fachtherapeuten begrüßen zu dürfen.

Vielen Dank für die Einladung. Ich hoffe, ich konnte einen guten Einblick geben und Interesse am Kon-Lab-Sprachtherapieprogramm wecken. Ich würde mich freuen, Sie in einer meiner Fortbildungen begrüßen zu dürfen.

Quellen

  • Maja Ullrich und David Falkenberg

Bildquellen

  • Maja Ullrich und David Falkenberg

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