Aktualisiert am 26. Mai 2026
Die Psychologie des Zwischenraums: Eine Brückenbauerin aus der Praxis
Hinter dem fundierten Werk „Mentalisieren in der Elternarbeit. Interventionen und Beziehungsgestaltung in Beratung und Therapie“ steht eine Autorin, die tief in der klinischen und praktischen Landschaft verwurzelt ist. Dr. phil. Maria Teresa Diez Grieser ist Fachpsychologin für Psychotherapie (FSP) sowie psychoanalytische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Nach Jahren institutioneller und therapeutischer Arbeit bringt sie genau die Expertise mit, die notwendig ist, um hochkomplexe psychodynamische, systemische und bindungstheoretische Fäden zu einem tragfähigen Netz zu verknüpfen.
Wer Diez Griesers Zeilen liest, merkt schnell: Hier schreibt keine Theoretikerin, die isolierte Laborbefunde aneinanderreiht. Ihr Stil ist pragmatisch, empathisch und von einer tiefen Achtung vor den realen, oft erschöpfenden Dynamiken belasteter Familien geprägt. Neben ihrer selbstständigen Praxis in Zürich leitet sie den Forschungsbereich und die Angebotsentwicklung in den Kinder- und Jugendpsychiatrischen Diensten St. Gallen. Ihr aktuelles Buch ist die Essenz dieser jahrzehntelangen Erfahrung – ein Versuch, Fachkräften ein Werkzeug an die Hand zu geben, das den Blick schärft für das, was zwischen den Menschen passiert.
Das unsichtbare Band: Beziehungsarbeit im sozioökologischen Fokus
Lange Zeit galt in der Arbeit mit Kindern das klassische, mechanische Prinzip: Zeigt ein Kind ein auffälliges Verhalten, muss primär an diesem Symptom gearbeitet werden. Doch pädagogische und therapeutische Kontexte stehen heute vor weitaus komplexeren Herausforderungen. Die moderne Forschung hat sich von einem engen Blickwinkel wegbewegt und stattdessen einem umfassenden sozioökologischen Ansatz zugewandt. Das bedeutet: Ein Kind kann niemals isoliert verstanden werden. Es ist eingebettet in ein hochsensibles Geflecht aus Familie, Gleichaltrigen und soziokulturellen Rahmenbedingungen.
Bereits der griechische Philosoph Aristoteles betonte, dass der Mensch ein soziales Wesen sei – ein zoon politikon. Das menschliche Neugeborene ist ein Nesthocker, das ohne emotionale Versorgung und den schützenden Kontakt zu anderen nicht gedeihen kann. Wenn nun Eltern durch eigene Traumata, psychische Erkrankungen oder akuten sozialen Stress in ihrer Feinfühligkeit eingeschränkt sind, gerät dieses Fundament ins Wanken. Das Mentalisieren – also die Fähigkeit, das Verhalten eines Gegenübers (und das eigene) durch das Zuschreiben innerer Zustände wie Gefühle, Gedanken und Absichten zu interpretieren – bricht in Stressmomenten ein.
Genau hier liegt die immense Relevanz für das pädagogische Umfeld: Ohne die Fähigkeit zu mentalisieren entstehen fatale Teufelskreise. Eine überlastete Mutter erlebt ein schreiendes Baby als „böse“ und straft es mit Entzug von Liebeszuwendung; das Kind antwortet auf diese existentielle Not mit Wut, was die verzerrte Wahrnehmung der Mutter scheinbar bestätigt. Für Pädagogen, Sozialarbeiter und Therapeuten ist das Verständnis dieser Dynamiken der Schlüssel, um verhärtete Fronten in Kitas, Schulen und der Jugendhilfe überhaupt erst aufzubrechen.
Der Blick hinter die Kulissen: Struktur, Praxisnutzen und historische Gespenster
Das im Klett-Cotta Verlag erschienene Werk führt die Lesenden durch eine logisch strukturierte, 15 Kapitel umfassende Reise, die Theorie und Praxis elegant miteinander verbindet. Es beginnt mit der Einbettung der Elternschaft in den gesellschaftlichen Kontext und analysiert den Übergang zur Elternschaft als kritische Lebensphase, in der sich die psychische Organisation von Müttern und Vätern tiefgreifend verändert – Phänomene, die in der Fachwelt als „Mutterschafts-“ beziehungsweise „Vaterschaftskonstellation“ beschrieben werden.
Nach einem komprimierten historischen Abriss über die Entwicklung der Elternarbeit entfaltet Diez Grieser die Kernbausteine ihres Ansatzes. Sie stellt das Konzept des „epistemischen Vertrauens“ vor – jenes grundlegende Vertrauen, dass eine andere Person verlässliche und relevante Informationen über die Welt vermittelt – und zeigt auf, wie Fachkräfte dieses Vertrauen bei traumatisierten oder hochbelasteten Eltern wiederbeleben können. In den hinteren Kapiteln wird es hochgradig konkret: Hier werden beraterische und therapeutische Programme vorgestellt, Fallbesprechungen seziert und Konzepte für die supervisorische Arbeit dargelegt.
Wie profitiert die pädagogische Praxis?
Pädagoginnen und Pädagogen erhalten durch dieses Buch weit mehr als ein theoretisches Update. Es liefert handfeste Werkzeuge für den Alltag:
- Der Fokus auf die „5V“ einer gelingenden Elternschaft: Diez Grieser bündelt die elterlichen Aufgaben im Verlauf der kindlichen Entwicklung in ein griffiges Raster: liebevoll, verfügbar, verlässlich, verstehend und vorwärtsbringend. Pädagogen können dieses Modell nutzen, um elterliche Ressourcen im Entwicklungsverlauf (vom Säuglings- bis zum Jugendalter) präzise einzuschätzen.
- Sprachliche und methodische Brücken bauen: Durch die Integration systemischer Fragetechniken – wie der im Mailänder Modell verankerten Zirkularität („Was glauben Sie, wie sich Ihre Tochter fühlt, wenn…“) – lernen Fachkräfte, Elterngespräche wegzuführen von gegenseitigen Schuldzuweisungen hin zu einer gemeinsamen, reflektierenden Perspektive.
- Schutz vor eigenem Burnout: Das Verständnis für Mentalisierungseinbrüche hilft Fachkräften zu erkennen, dass Angriffe oder Verweigerungshaltungen von Eltern oder Kindern selten eine persönliche Ablehnung darstellen, sondern oft das Resultat innerer, reaktivierter Konflikte sind. Das entlastet die eigene Psyche im Berufsalltag massiv.
Spannender Fun-Fact aus der Historie: Wer glaubt, die Einbeziehung von Vätern in die Therapie sei eine Erfindung der Moderne, irrt gewaltig. Bereits Sigmund Freud behandelte 1909 im berühmten Fall des fünfjährigen Knaben „Hans“ die kindliche Phobie ausschließlich über Gespräche mit dessen Vater – die Mutter wurde damals schlicht ignoriert. Später schlug das Pendel komplett in die andere Richtung aus: Pioniere wie Melanie Klein, Anna Freud oder Donald Winnicott fokussierten sich fast ausschließlich auf die Mütter. Diez Grieser zeigt auf, dass wir heute in einer Ära angekommen sind, in der Väter eine eigene, essenzielle Rolle im therapeutischen Raum einnehmen. Ein weiterer roter Faden des Buches greift zudem die berühmte Metapher der „Gespenster im Kinderzimmer“ von Selma Fraiberg (1975) auf – unverarbeitete Konflikte der Eltern, die wie ungeladene Geister in die aktuelle Beziehung zum Kind eindringen und das Kind zu einem unbewussten Übertragungsobjekt machen.
Warum dieses Buch lesenswert ist
„Mentalisieren in der Elternarbeit“ von Dr. Maria Teresa Diez Grieser schließt eine empfindliche Lücke im Fachbuchregal. Es befreit die Mentalisierungstheorie aus dem engen Korsett der reinen Psychotherapie und macht sie für das gesamte psychosoziale und pädagogische Feld nutzbar. Mit seiner bio-psychosozial-ökologischen Perspektive holt das Buch Eltern und Kinder dort ab, wo sie in unserer komplexen, reizüberfluteten Gegenwart stehen.
Die gelungene Verknüpfung von psychoanalytischer Tiefe, systemischer Flexibilität und einer Fülle von lebendigen Fallbeispielen sorgt dafür, dass die Lektüre niemals trocken wird. Wer beruflich mit Familien zu tun hat und verstehen will, warum Menschen in Krisen aufhören, sich in andere einzufühlen – und vor allem, wie man ihnen hilft, diese Fähigkeit wiederzufinden –, kommt an diesem wegweisenden Leitfaden definitiv nicht vorbei. Ein absolut bereicherndes Werk für mehr Tiefengang und Menschlichkeit in der professionellen Beziehungsarbeit.
Quellen
- Diez Grieser, Maria Teresa: Mentalisieren in der Elternarbeit. Interventionen und Beziehungsgestaltung in Beratung und Therapie. Klett-Cotta, 2025.



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