Vester und die vier Lerntypen

Vester und die vier Lerntypen

Zum Begriff Lerntypen finden sich im Internet unzählige Einträge. Dort werden immer wieder dieselben vier Lerntypen genannt, nämlich der visuelle, der auditive, der haptische und der intellektuelle.

Anhänger dieser Lerntypentheorie gehen davon aus, dass jeder Mensch eine individuelle Lernpräferenz besitzt und dementsprechend einem dieser Typen zugeordnet werden kann. Ein Mensch lernt demnach besser, wenn er Informationen für ihn passend präsentiert bekommt: Der visuelle Lerntyp verarbeitet und speichert besonders gut, was er sieht, der auditive, was er hört, der haptische, was er in die Hand nimmt und ausprobiert, und der intellektuelle, was er sich selbst durch Deduktion erschließen kann.

Vielen Menschen leuchtet dies intuitiv ein. Daher ist das Konzept von den vier Lerntypen durchaus beliebt und weit verbreitet. Es ist allerdings auch umstritten.  

Die Erkenntnis, dass Menschen von verschiedenen Arten der Wissenspräsentation unterschiedlich gut profitieren, hat zu äußerst begrüßenswerten Fortschritten in der Schulpädagogik beigetragen. Falsch verstanden und umgesetzt kann sie aber auch eine ungünstige pädagogische Praxis zur Folge haben. Gerade wegen dieser Widersprüchlichkeit und der damit verbundenen Debatte ist das Thema hochinteressant. Und es ist wichtig: Denn es hat unmittelbaren Einfluss darauf, was für pädagogische Konzepte entwickelt werden und wie Lehrkräfte den Unterricht gestalten.

Der missverstandene Vater der Lerntypen

Dr. Frederic Vester (1925-2003) war Biochemiker, forschte an mehreren Universitäten, war aber auch Präsident des bayrischen Volkshochschulverbands, Mitglied des Club of Rome, sowie Gründer und Leiter der Studiengruppe für Biologie und Umwelt.

Vester erforschte das neuronale Netzwerk des Gehirns

Sein Buch Denken, Lernen, Vergessen erschien als Begleitband zu einer Fernsehreihe gleichen Namens, die 1974 den Grimme-Preis erhielt. Vester beleuchtet in der Fernsehproduktion ebenso wie im Buch zunächst die biologischen Grundlagen kognitiver Prozesse. Anschließend behandelt er die Konsequenzen, die sich daraus zum Vorteil eines leichteren und unverkrampfteren Lernens ergeben könnten. Wie die dreiteilige Fernsehsendung war auch das Buch ein überwältigender Erfolg, ein echter Bestseller. Ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass Vester seinerzeit einen regelrechten Hype auslöste. Plötzlich war ein breites Interesse für Aufbau und Funktion des Gehirns geweckt. Die allermeisten Menschen erfuhren so zum ersten Mal etwas über das neuronale Netzwerk und über den Zusammenhang mit dem Ablauf von Lernprozessen. Mögliche Folgen für die Pädagogik wurden nun auch unter Laien rege diskutiert.

Vester leistete also großartige Pionierarbeit, indem er ein wichtiges Thema in den Fokus der Öffentlichkeit rückte. Das hatte auch Auswirkungen auf die weitergehende Entwicklung von Pädagogik und Didaktik. Zwar existierten bereits die großen bekannten reformpädagogischen Ansätze. Aber diese strahlten noch relativ wenig auf das staatliche Schulwesen aus, wo weitgehend auf den Frontalunterricht gesetzt wurde und fortschrittliche Pädagogik noch in den Kinderschuhen steckte. Und obwohl zwischen den Ansätzen der Reformer und Vesters Schlussfolgerungen eine beträchtliche Schnittmenge bestand, vermisste er bei diesen doch etwas: eine wissenschaftliche Basis. Vester aber wollte biologische Begründungen liefern und möglichst verständlich für jeden darlegen. Er wollte die Entwicklung pädagogischer Methoden von jeglicher ideologischen Haltung lösen, indem er wissenschaftliche Erkenntnisse zur Grundlage erhob.

Statt Frontalunterricht den Lerntypen gerecht werden?

Die vier Lerntypen: das Ergebnis einer Fehlinterpretation?

Wirft man im Internet einen Blick auf die Einträge zu diesem Thema, finden sich nur ganz selten Formulierungen wie angelehnt an Vester oder durch Vester geprägt, welche den Zusammenhang zwischen der Lerntypentheorie und Vesters Erkenntnissen wenigstens andeutungsweise relativieren. 

Mehrheitlich wird ganz klar der Eindruck vermittelt, das Konzept der vier Lerntypen stamme von Vester selbst. Dies jedoch ist nicht richtig. In seinen Schlussfolgerungen empfiehlt Vester klar und deutlich, dass Wissen in der Schule auf möglichst viele verschiedene – also nicht nur vier – Weisen dargeboten werden sollte. Es gebe unzählige individuelle Lernpräferenzmuster, sodass es kaum möglich sei, sinnvolle Kategorisierungen vorzunehmen. Denn dadurch würden immer wieder einzelne Schüler ausgeschlossen und somit benachteiligt. Um dies zu vermeiden, sollten die Lehrkräfte bei der Art der Wissensvermittlung grundsätzlich auf Vielfalt setzen.

Es ist rückblickend schwer nachzuvollziehen, wie es zur Fehlinterpretation kommen konnte. Da es Vesters Anliegen war, die neu gewonnenen wissenschaftlichen Einsichten mit der Allgemeinheit zu teilen, benutzte er eine gut verständliche Sprache und verwendet gerne Beispiele, um seine Aussagen zu veranschaulichen.

Es sieht so aus, als habe ausgerechnet ein solcher Veranschaulichungsversuch zu dem Missverständnis geführt. In Denken, Lernen, Vergessen kommen die zur Debatte stehenden vier Lerntypen nur ein einziges Mal gemeinsam vor. An dieser Stelle braucht Vester zur Verdeutlichung eine kleine und übersichtliche Zahl von Lerntypen, um sie einander gegenüberstellen zu können. Er beschreibt, wie vier Schüler den gleichen Lerninhalt jeweils besser verstehen, weil jeder seine eigene Herangehensweise hat: Je nachdem, was ihnen mehr liegt, folgen sie dem Seh-, Hör- und Tastsinn oder schlussfolgern auf Basis abstrakten Denkens. Vester will auf diese Art verdeutlichen, dass alle zum richtigen Ergebnis kommen, wenn ihnen die geeignete Möglichkeit gegeben wird, dass im Schulalltag aber diejenigen benachteiligt und sogar als dumm klassifiziert werden, denen die vorherrschende Unterrichtsweise nicht liegt. Wie daraus erwachsen konnte, Vester habe gleich eine auf genau jene vier Lerntypen fokussierte Theorie entwickelt, ist befremdlich. Es wirkt fast so, als habe man sein Buch nicht gründlich oder nicht vollständig gelesen. Als sei man bis zu jenem Beispiel gekommen, habe das Buch dann zurück ins Regal gestellt und die vier Lerntypen zur Quintessenz von Vesters Arbeit erkoren.

Seitdem ist das Problem in der Welt. Die meisten Vertreter als auch Kritiker der Lerntypentheorie ordnen diese Frederic Vester zu. Er selbst aber dachte sehr viel differenzierter und zog weit umfangreichere Schlüsse aus seiner Forschung.

Allerdings verwendet er den Begriff Lerntyp relativ häufig. Vielleicht war diese Wortwahl ein grundsätzlicher Fehler. Eine Typisierung ergibt sich aus bestehenden Gemeinsamkeiten. Über die Zuordnung nach gemeinsamen Merkmalen entstehen Gruppen. Vester vertritt im Buch aber generell die Überzeugung, dass jeder Mensch aufgrund seiner Komplexität geradezu einzigartig ist – eben auch in seiner Art, Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten. Diese Einzigartigkeit aber steht eigentlich im Widerspruch zu einer Typenzuteilung. Insofern ist der Begriff Lerntypen nicht unbedingt ideal. Er mag zur Veranschaulichung dienen, ist aber möglicherweise genau der Grund für das nachfolgende Missverständnis – weil er nicht ganz passgenau ist und dadurch in die Irre zu führen vermag.

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Lerntypentests

In Büchern und im Internet werden Tests nach Vester angeboten. Interessierte werden aufgefordert, dort zu testen, welchem der vier Lerntypen sie angehören. Solange sich das Ergebnis aber darauf beschränkt, ob man ein visueller, auditiver, haptischer oder abstrakt deduzierender Typ sei, greifen die Tests zu kurz und können sogar in die Irre führen. Die Originaltests im Buch hat Vester nicht mit einer Auswertung versehen. Dies irritiert aus heutiger Sicht. Die Leser möchten ja gerne klar und deutlich erfahren, welcher Kategorie sie angehören. Aber Vester wäre dies zu undifferenziert gewesen. Er wollte den Selbsttestern vielmehr eine Möglichkeit in die Hand geben, sich selbst besser kennenzulernen und eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Die Tests sollten zur Hilfestellung dienen, um herauszufinden, welche Faktoren beim Lernen in positiver und negativer Hinsicht eine Rolle spielen. Eine Einteilung entsprechend der vier Lerntypen wäre Vester viel zu eingrenzend gewesen. Das ist keineswegs eine kühne Behauptung, denn Vester äußert sich dazu bereits im Buch und ebenso in Gesprächen auf ganz eindeutige Weise.

Warum die Lerntypentheorie differenzierter betrachtet werden sollte

Die Qualität in der pädagogische Praxis zu verbessern, ist ein übergeordnetes Ziel. Es handelt sich hierbei um einen Prozess. Wenn dieser von Missverständnissen begleitet wird, stellt das ein Hemmnis dar, das alles andere als wünschenswert ist.

Lehrkräfte mögen in ihrem Unterricht durchaus einige gute Erfahrungen gemacht haben, verteidigen deswegen die Theorie von den vier Lerntypen gegen die Kritik wissenschaftlicherseits. Dabei stellt die Festlegung auf nur vier Lerntypen eine Begrenzung dar, die eine Verbesserung der Pädagogik sogar verhindern kann. Umgekehrt reiten Kritiker, statt sich auf genau diesen Punkt zu konzentrieren – was aus konstruktiver Sicht geboten wäre -, oft nur darauf herum, dass die Einteilung in jene vier Lerntypen einer wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Dies fällt natürlich letzten Endes auf Vester zurück. Dabei hätte dieser ihnen sicher zugestimmt.

Es geht auch um die Reputation Vesters, der wirklich Großartiges geleistet hat, in der Hauptsache aber darum, dass die Diskussion nicht an der Sache vorbeigeht und somit konstruktiver wird.

Wirklich beachtenswert sind die Empfehlungen, die Vester tatsächlich ausgab. Er selbst sagte, manches davon sei im Grunde nichts profund Neues, sondern schon seit der Antike bekannt. Nun stünden aber auch wissenschaftliche Erklärungen zur Verfügung, die uns in die Lage versetzten, nach handfesten Kriterien mehr Ordnung in das Sammelsurium bisheriger Ansätze zu bringen.

Die vier Lerntypen – also reiner Unsinn?

Eine Kategorisierung ist hilfreich, wenn dadurch den Lernenden ein auf sie zugeschnittenes Lehrangebot gemacht werden kann. Auch bei einer viel zu groben Einteilung ist dies schon ein sehr wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Schließlich geht damit die Erkenntnis einher, dass nicht alle Menschen nach der gleichen Methode gleich gut lernen können. Vester hat immer wieder betont, wie wichtig vor allem genau diese Einsicht ist.

Vester wollte mehr als nur vier Varianten der Wissensvermittlung

Nach seinem Wunsch sollten die neuen Erkenntnisse dazu führen, dass in den Bildungsinstitutionen verschiedene Ansätze zum Lernen ermöglicht werden. Und dass den Lernenden geholfen wird, ihre eigenen Lernpräferenzen besser einschätzen zu lernen. Das Ergebnis soll eine größere Selbstbefähigung beim Lernen sein. Daraus folgt eine größere Lerneffizienz, was eine ganze Kette positiver Konsequenzen nach sich zieht: größere Motivation zum Beispiel, aber auch ein verbessertes Selbstwertgefühl, der Wegfall von Diffamierung und Stigmatisierung aufgrund schlechter schulischer Leistungen, also auch eine Verringerung von Versagensempfindungen.

Das Konzept von den vier Lerntypen als reinen Unsinn abzutun, geht an der Sache vorbei, während es umgekehrt aber auch keinen Sinn ergibt, sich daran festzuklammern. Es existieren inzwischen Theorien, die von mehr als vier Lerntypen ausgehen. Außerdem ist die Verwendung des Begriffs Lerntyp auch ohne enge Zuordnung möglich. Letzten Endes geht es allein darum, dass Menschen auf unterschiedliche Weise unterschiedlich gut lernen. Solange diesem Umstand bei der Entwicklung von pädagogischen Konzepten Rechnung getragen wird, wäre Vester sehr zufrieden.

Quellen:

  • youtube.de: Denken, Lernen, Vergessen – Frederic Vester – 1975
  • Looß, Maike: Lerntypen? Ein pädagogisches Konstrukt auf dem Prüfstand
  • Frederic Vester: Denken, Lernen, Vergessen

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