Sinneswahrnehmung – die Bedeutung der Sinne

Als einfachste Definition, was wir bei Lebewesen „Sinne“ nennen, lässt sich wohl „die Fähigkeit, Reize wahrzunehmen“ angeben. Ein Physiker würde beim Menschen nur drei Reizquellen unterscheiden: chemische, mechanische und Licht-Reize. Während Vögel sich am Erdmagnetfeld orientieren können und manche Fische ihre Fortbewegung auf elektrische Felder im Wasser ausrichten, kann der Mensch magnetische oder elektrische Reize nur indirekt wahrnehmen.

Geht man aber von den Sinnesorganen aus, hat der Mensch durchaus mehr als drei Sinne.

Die Sinne des Menschen

Schon Aristoteles unterschied beim Menschen fünf Sinne:

  • Sehen
  • Hören
  • Riechen
  • Schmecken
  • Fühlen

Diese klassische Einteilung war so wirkmächtig, dass auch heute noch die Redensart, „seine fünf Sinne beisammen zu haben“ bekannt ist. Und manch einer versteht unter dem „sechsten Sinn“ eine Art vorausahnende Wahrnehmung durch „Intuition“ oder gar von „Übersinnlichem“.

Der Sehsinn thront dabei über allem. Ein Viertel des Gehirns und 60% der Großhirnrinde sind damit beschäftigt – wenn wir die Augen offen haben – die Flut visueller Eindrücke zu verarbeiten. Das menschliche Auge verfügt über 125 Millionen Photorezeptoren. Es ist damit der Ausgangspunkt eines  visuellen Systems, das uns 80% der Informationen über eine äußere Welt liefert.

Fühlen ist ein Potpourri der Sinne

Bei den anderen Sinnen dachte schon Aristoteles darüber nach, das Fühlen weiter zu unterteilen. Er verwarf den Gedanken dann aber – fälschlicherweise. Denn begreift man Fühlen zunächst als Tastsinn (taktile Wahrnehmung), dann lassen sich andere Sinneswahrnehmungen wie Schmerz oder warm/kalt leicht davon unterscheiden. Tatsächlich verfügt der Mensch in naturwissenschaftlicher Perspektive über verschiedene weitere Sinne:

  • Temperaturwahrnehmung
  • Gleichgewichtssinn (vestibuläre Wahrnehmung)
  • Schmerzwahrnehmung
  • Wahrnehmnung der inneren Organe (viszerale Sinne)
  • Tiefensensibilität (Propriozeption)

Mit Propriozeption ist die Eigenwahrnehmung von Körperbewegung und -lage gemeint. Sie lässt sich zusätzlich differenzieren in Lagesinn (Position des Körpers und Stellung der Gelenke und des Kopfes im Raum), in Kraftsinn (Spannungszustand der Muskeln und Sehen) und Bewegungssinn (Bewegungsempfindung und Erkennen der Bewegungsrichtung). Von der Tiefensensibiliät hängt wesentlich die Entwicklung der motorischen Fähigkeiten eines Menschen ab. 30% der Leistungsunterschiede im sportlichen Bereich lassen sich beispielsweise auf die Propriozeption bezüglich einzelner für die jeweilige Sportart relevanter Gelenke zurückführen.

Sinneswahrnehmung und Lernen

Lernen mit allen Sinnen

Niemand würde nun bestreiten, dass die sinnliche Wahrnehmung eine unabdingbare Quelle des Lernens für den Menschen ist. Mit den Sinnen begegnen wir vom Lebensanfang an einer Welt, in der zu bewegen wir erst lernen müssen. Die Rolle der Propriozeption beim Laufen lernen ist offensichtlich. Über Geruch und Geschmack lernen wir Essbares von Ungenießbarem zu unterscheiden. Die Beeinträchtigung in der Entwicklung eines Sinnesvermögens kann Lernprozesse erschweren. Kleinkinder die schlecht hören, lernen schlechter oder später sprechen als Kinder mit normal entwickeltem Hörvermögen. Eine differenzierte Entwicklung der akustischen Wahrnehmung wirkt sich also vermittelt über die Sprachentwicklung auf alle Lern- und Bildungsbereiche aus.

Tastsinn als aktives Vermögen

Auch die Bedeutung unseres taktilen Vermögens ist kaum zu unterschätzen. Unser Tastsinn, insbesondere seine Ausprägung in Gestalt unserer Hände, ist ein hochentwickeltes und anspruchsvolles Werkzeug zur ersten, unmittelbaren Berührung mit unserer Umwelt. Auf einem Quadratzentimeter jeder Fingerkuppe enden 3500 Nervenbahnen, für die Koordination zentraler Daumen-Zeigefinger-Bewegungen benötigt das Gehirn das Zehnfache an Impulsen wie für alltägliche Fußbewegungen. In seinem Aufsatz „Wahrnehmung mit allen Sinnen“ betont Herbert Österreicher den untrennbaren Zusammenhang dieser elementaren Wahrnehmung mit Lern- und Bildungsprozessen:

„Tasten heißt Begreifen. Es heißt aber auch Ausprobieren und Prüfen. Und letztlich bedeutet diese Wahrnehmung auch ein Verstehen, ein Auffassen und Erfassen. Damit wird unser Tastsinn, insbesondere die Hand, zu einem ganz eigenen Instrument der Bildung im doppelten Wortsinn: Wir können damit erfühlen und erkennen, aber auch gestalten und formen.“

Herbert Österreicher

Sinneswahrnehmung hat also unmittelbar auch ein aktives und kreatives Potential. Wir modellieren im Begreifen und Verstehen unsere Umwelt. Wir erfassen dabei nicht nur, wir verändern auch. Schon das kleinste Kind tendiert zu einem spielerisch-gestaltenden Umgang mit den Dingen. Es erprobt die Gegebenheiten seiner Umwelt, zerlegt und ordnet sie wieder neu. Pädagogische Texte zitieren deshalb gern, direkt oder indirekt, Maria Montessoris Metapher von den Sinnen, mit denen wir uns die Welt erschließen (wörtlich: Die Sinne der Menschen sind deren Schlüssel zur Welt. ) Dieser Prozess, in die Welt einzutreten, bedeutet natürlich mehr als das Aufschließen einer Tür, die man dann hinter sich zuziehen kann.

Immanuel Kants Synthese von Anschauung und Begriff

So etwas wie die Welt ist letztlich eine komplexe Konstruktion. Wir können sie als ganzes nicht sehen, hören oder schmecken. Hier führt das Nachdenken über die Erkenntnisleistung der menschlichen Sinne zu zwei gegenläufigen Vermutungen. Es sind erstens kognitive Leistungen, die aus der Vielzahl einzelner Sinneseindrücke Gegenstände der Erkenntnis machen. Und zweitens – die Gegenspielerin des Primats der Kognition – ohne Sinneseindrücke fehlt jedem Erkennisstreben so etwas wie das Grundmaterial. Immanuel Kant, in der Geschichte der Philosophie der bedeutendste Vermittler zwischen den beiden Parteien von Empiristen und Rationalisten, schrieb:

„Gedanken ohne Inhalt sind leer. Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“

Immanuel Kant

Sinneserfahrung und Ordnung bei Maria Montessori

Sinneswahrnehmung als Voraussetzung für die begriffliche Wahrnehmung

Eine durchaus mit Kants erkenntnislogischer Verbindung von Sinnes- und Begriffsleistung vereinbare Position vertrat die Ärztin und Reformpädagigin Maria Montessori. Sie ging davon aus, dass die sinnliche Wahrnehmung unverzichtbare Voraussetzung für die begriffliche Wahrnehmung ist. Sie setzte damit Sinnes- und Begriffsbildung in ein entwicklungspsychologisch notwendiges Verhältnis. Im Prozess der Weltaneignung bis zur Herausbildung einer geistigen (sprachlich-begriffllichen) Ordnung findet jedes Kind in seinen Sinneserfahrungen – in seinen Wahrnehmungen und seinen Handlungen – die feste Basis für seine intellektuelle Entwicklung. Anders gesagt liegt hier die Basis für die Entwicklung seiner Intelligenz. Maria Montessori und später auch Jean Piaget, der berühmte Schweizer Entwicklungspsychologe, der schon früh mit Montessoris Pädagogik in Berührung gekommen war, betonen daher die überragende Bedeutung der Sinneserfahrungen in den ersten drei Lebensjahren jedes Menschen.

Sinneswahrnehmung als vorsprachlicher Orientierungsprozess

Aber schon in diesem ersten Entwicklungsstadium stellt sich dem Kind die Herausforderung, die Vielfalt sinnlicher Erlebnisse zu ordnen. Es muss eine Beziehung zwischen den Dingen und ihren Gesetzmäßigkeiten herstellen. Es muss ein erstes Verständnis von Raum und Zeit entwickeln. Mit anderen Worten handelt es sich hier um einen durch die Sinne getragenen vorsprachlichen Orientierungsprozess, auf den das sprachlich-begriffliche Lernen später aufbauen kann. Das pädagogische Umfeld sollte dafür eine Umgebung schaffen, die darauf ausgerichtet ist,  dass das Kind „durch eigenes Tun und schöpferisches Lernen seine Fähigkeiten entwickelt und selbständig wird“. Diesem Ziel dienen insbesondere die von Maria Montessori entwickelte Materialien, zuallererst ihr Sinnesmaterial.

Interessant: Es wird in der Regel zwischen Sinnesmaterial, mathematischem Material, Material für die Übungen des praktischen Lebens und sprachlichem Material unterschieden. Da aber in der ganzheitlichen Perspektive Montessoris jedes Material eine bedeutsame sinnliche Qualität hat und haben muss, ist alles Montessori Material stets auch Sinnesmaterial.

Sinnesmaterial als manifeste Abstraktionen

Das Sinnesmaterial Montessoris ist vielfältig. Berühmt sind etwa der rosa Turm oder die Braune Treppe. Auf verschiedenste Sinne ausgerichtet sind Geräuschdosen, Tasttäfelchen oder Wärmefläschchen. Allen Materialien ist gemeinsam, dass sie auf klar strukturierte Eigenschaften reduziert sind, die dem Kind Ordnung und Klarheit über seine Sinneswahrnehmung vermitteln und Wesentliches von Unwichtigem und Zufälligem trennen. In ihrem Buch „Die Entdeckung des Kindes“ beschreibt Montessori die von ihr entwickelten Sinnesmaterialien folgendermaßen:

„Das Sinnesmaterial besteht aus einem System von Gegenständen, die nach bestimmten physikalischen Eigenschaften der Körper wie Farbe, Form, Maße, Klang, Zustand von Rauheit, Gewicht, Temperatur usw. geordnet sind. Jede Gruppe verfügt über die gleiche Eigenschaft, jedoch in verschiedenen Abstufungen, es handelt sich also um eine Abstufung, bei der sich der Unterschied von einem Gegenstand zum anderen gleichmäßig verändert und, wenn möglich, mathematisch genau festgelegt ist. Es wird nur ein Material ausgewählt, dass sich erfahrungsgemäß für die Erziehung eignet, das kleine Kind tatsächlich interessiert und bei einer spontanen und wiederholt ausgesuchten Übung beschäftigt.“

Maria Montessori, Die Entdeckung des Kindes (S. 114)

Montessori nennt die Sinnesmaterialien auch „manifestierte Abstraktionen“. Sie sollen Klärungs- und Abstraktionsprozesse auslösen können, die letztlich von einer strukturierten Wahrnehmung zu einer ganzheitlichen Ordnung führen. Damit sind sie nicht als Ersatz für verschiedenste Sinneswahrnehmungen (z.B. in der Natur) konzipiert, sondern als Erfahrungsmaterial, das hilft, die alltägliche Vielfalt an Wahrnehmungen besser eigenständig ordnen zu können.

Beispiel Mathematik – Lernschwierigkeiten durch Störung der Motorik

Am Beispiel einer konkreten Lernstörung im mathematischen Bereich lässt sich der Zusammenhang der frühkindlichen Ausbildung sinnlicher Fähigkeiten und der allgemeinen Lernentwicklung gut illustrieren.

So verfügen Kinder mit einer unzureichend entwickelten Eigenwahrnehmung des Körpers (Tiefensensibilität) über eine nur unklare Orientierung von oben, unten, rechts und links und fallen durch ungeschickte Bewegungen auf. Eine solche Störung der Motorik bzw. der Tiefensensibilität erschwert beim Erwerb mathematischer Grundlagen das Verständnis dafür, dass Zahlen angeordnet werden können. Wenn die Rechts-Links-Orientierung, am eigenen Körper motorisch nicht erfahrbar wird, überträgt sich die Schwierigkeit auch auf die Entwicklung einer zahlenräumlichen Vorstellung (mentaler Zahlenstrahl). Bei dem Versuch, den Zahlenstrahl selbst aufzumalen, wird dann die innere Logik der Abfolge durcheinandergebracht und die Reihenfolge der Zahlen vertauscht.

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Fazit zum Lernen mit allen Sinnen

Die Förderung  und Entwicklung der Sinneswahrnehmung, das bewusste Training verschiedener Sinne und der damit verbundenen Aufmerksamkeit und Konzentration auf das Wahrgenommene und seine Einordnung sind integraler Bestandteil einer gelingenden Lernentwicklung. Der aufmerksame Umgang mit den eigenen Sinnen ist auch ein Wert an sich und trägt dazu bei, sich in seinem eigenen Körper wohl zu fühlen.

Für die Entfaltung von Lernpotential, von Intelligenz und Urteilsvermögen ist darüber hinaus eine differenzierte sinnliche Wahrnehmung ein unverzichtbarer Teil des Ganzen: Lernen ist  ein „sich ständig entwickelndes Zusammenspiel von Sinneswahrnehmungen, Denkleistungen, Bewegungsabläufen und Gefühlen“. Dieser intensive Zusammenhang findet sich schon in der Doppeldeutigkeit von Wörtern wie „Sinn“ und „Sinnlichkeit“.

Letztlich lernt also am besten, wer mit Freude und Lust am Lernen bei der Sache ist.

Quellen:

  • Montessori, M.: Die Entdeckung des Kindes. Freiburg: Herder 1969
  • Kant: AA III, Kritik der reinen Vernunft, Seite 75
  • Wieso versteht das Kind es bloß nicht?“ Störungen der sinnlichen Wahrnehmungen, Deutsches Zentrum für Lehrerbildung Mathematik, http://pikas.dzlm.de/node/602
  • Ingeborg Becker-Textor : Maria Montessori – der pädagogische Ansatz, http://www.kindergartenpaedagogik.de/1588.html
  • Herbert Österreicher: Wahrnehmung mit allen Sinnen, http://www.kindergartenpaedagogik.de/684.html
  • http://www.spektrum.de/quiz/wie-viele-sinne-hat-der-mensch/867032
  • https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/sehen/sehen-2013-k-ein-selbstverstaendliches-wunder
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Propriozeption
  • http://corporate-senses.com/sensorische-reize/
  • http://www.kindergartenpaedagogik.de/419.htmlMerken

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