Die Fähigkeit zur Selbstregulation ist kein „Nice-to-have“, sondern das biologische Fundament jeder kognitiven Leistung. Im September 2024 hat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine wegweisende Stellungnahme veröffentlicht: Selbstregulation lernen soll zur neuen Leitperspektive im deutschen Bildungssystem werden. Warum? Weil die Forschung zeigt, dass Kinder, die frühzeitig Selbstregulation lernen, nicht nur bessere Noten schreiben, sondern lebenslang psychisch und physisch gesünder bleiben.
Die neurobiologische Architektur – Warum wir verstehen müssen, wie Kinder Selbstregulation lernen
Bevor wir über Methoden sprechen, müssen wir die Biologie klären. Selbstregulation ist nicht dasselbe wie Selbstkontrolle. Während Selbstkontrolle oft die Unterdrückung von Impulsen durch pure Willenskraft meint (ein kognitiv extrem anstrengender Prozess), beschreibt Selbstregulation die Fähigkeit des Nervensystems, den optimalen Erregungszustand für eine Situation zu finden und beizubehalten.

Das Nervensystem als Thermostat
Das autonome Nervensystem (ANS) agiert wie ein Thermostat. Es balanciert zwischen dem sympathischen Nervensystem (SNS), das für Aktivierung und Stressreaktion zuständig ist, und dem parasympathischen Nervensystem (PNS), das Erholung und soziales Engagement ermöglicht. Ein Kind, das erfolgreich Selbstregulation lernt, verfügt über ein flexibles PNS, das die Stresswellen des SNS effektiv abfedern kann. In der pädagogischen Praxis bedeutet dies: Ein Kind, das „ausrastet“, ist nicht ungezogen, sondern sein PNS hat die Kontrolle verloren – das Gehirn befindet sich im „Red Brain“-Modus.

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Exekutive Funktionen: Die Regiezentrale im Kopf
Ein wesentlicher Teil des Prozesses, in dem Kinder Selbstregulation lernen, betrifft die exekutiven Funktionen (EF). Diese bestehen aus drei Kernkomponenten:
- Arbeitsgedächtnis: Informationen halten und bearbeiten.
- Inhibition: Den ersten Impuls unterdrücken, um überlegt zu handeln.
- Kognitive Flexibilität: Sich schnell auf neue Situationen einstellen.
Aktuelle Daten des ZNL (TransferZentrum für Neurowissenschaften und Lernen) aus dem Jahr 2025 belegen, dass gezielte EF-Förderung nicht nur das Lernverhalten verbessert, sondern sogar die Unfallrate in Schulen senkt, da Kinder vorausschauender handeln.
Die neurobiologische Basis
- Das Gehirn ist primär ein Überlebensorgan; kognitives Lernen ist biologisch zweitrangig gegenüber der Sicherheit.
- Limbische Dominanz: Bei zu hohem Stress schaltet der präfrontale Kortex ab – logische Argumente erreichen das Kind nicht mehr.
- Neuroplastizität: Selbstregulationsareale im Gehirn reifen erst bis Mitte 20 vollständig aus und brauchen ständige Übung.
👉 Erst Sicherheit, dann Bildung.

Die pädagogische Praxis – Konkrete Strategien, damit Schüler Selbstregulation lernen
In diesem Teil verlassen wir die Theorie und blicken auf die „Stress-Detektive“. Damit Kinder erfolgreich Selbstregulation lernen, müssen wir die versteckten Energiefresser im Alltag identifizieren und regulative Anker auswerfen.
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Reframing: Vom Störenfried zum Stressopfer
Der erste Schritt der Shanker-Methode ist das „Reframing“. Wir müssen lernen, Verhalten neu zu interpretieren. Herausforderndes Verhalten ist oft „Stressverhalten“, kein „Fehlverhalten“. Ein Kind, das im Unterricht kippelt, laut ist oder den Stift zerbricht, versucht oft unbewusst, sein überreiztes Nervensystem durch motorische Entladungen zu regulieren. Wenn wir dies erkennen, ersetzen wir Strafe durch Unterstützung.
Die 5 Domänen des Stresses erkennen
Um Kindern zu helfen, müssen wir wissen, wo die Energie verloren geht. Stuart Shanker unterscheidet fünf Bereiche:
- Biologisch: Lärm, grelles Licht, Hunger, Schlafmangel.
- Emotional: Versagensängste, soziale Ausgrenzung.
- Kognitiv: Zu komplexe Arbeitsanweisungen, Multitasking.
- Sozial: Schwierige Gruppendynamiken, unklare Rollen.
- Pro-sozial: Die Belastung durch die Gefühle anderer (Empathie-Stress).
Der Stress-Detektiv im Einsatz
- Check-up: Scannen Sie den Raum: Ist es zu laut? Flackert das Licht? Ist das Kind physisch unwohl?
- Limbisch sprechen: In Krisenmomenten kurz, leise und melodisch sprechen – das signalisiert dem Gehirn Sicherheit.
- Safe Haven: Etablieren Sie einen Rückzugsort im Klassenzimmer, der ohne Rechtfertigung genutzt werden darf.
👉 Finde den Stressor, nicht den Fehler.

Embodiment: Den Körper als Anker nutzen
Ein hochwirksamer, leichter Zugang ist das Embodiment. Da Körper und Geist untrennbar verbunden sind, können wir über physische Übungen direkt auf das Gehirn einwirken. Körperhaltungen senden Feedback-Signale an das limbische System und können Stresshormone wie Cortisol aktiv senken.
Hier sind drei „Pausen-Häppchen“ für zwischendurch:
- Die Denkmütze: Das sanfte Massieren der Ohren stimuliert Akupressurpunkte, die die Durchblutung des Gehirns fördern und die Konzentration steigern.
- Storch im Salat: Überkreuzbewegungen (linke Hand zum rechten Knie) harmonisieren die Gehirnhälften und helfen bei kognitiver Blockade.
- Finger-Atmung: Mit dem Finger die Konturen der anderen Hand nachfahren – beim Hochfahren einatmen, beim Runterfahren ausatmen. Das stoppt das Gedankenkarussell sofort.
Embodiment-Quick-Check
- Haltung: Ein bewusst aufrechter Stand signalisiert dem Gehirn Kompetenz und senkt die Angstschwelle.
- Atmung: Verlängertes Ausatmen aktiviert den Vagusnerv und bremst die Herzfrequenz.
- Mimik: Das Aktivieren der Lachmuskeln (auch künstlich) setzt antidepressive Neurotransmitter frei.
👉 Der Körper ist die Fernbedienung für das Gehirn.

Systemische Verankerung und Selbstfürsorge der Lehrkraft
Damit Kinder nachhaltig Selbstregulation lernen, braucht es mehr als punktuelle Übungen. Es bedarf einer „Kultur der Sicherheit“. Dies ist auch die Kernforderung der Leopoldina 2024: Die Förderung der Selbstregulation darf kein Zusatzprojekt sein, sondern muss in jedes Schulfach und jede Kita-Routine integriert werden.
Das „Interbrain“: Warum Ihre eigene Regulation entscheidend ist
Neurowissenschaftlich gesehen sind wir über das sogenannte „Interbrain“ mit den Kindern verbunden. Unsere eigene Ruhe – oder Unruhe – überträgt sich direkt auf die Schüler. Wir können einem Kind nur die Ruhe leihen, die wir selbst besitzen. Deshalb ist die Selbstregulation der Lehrkraft die wichtigste Voraussetzung für die Ko-Regulation des Kindes.

Kognitive Werkzeuge für den Unterricht
Neben körperlichen Übungen helfen kognitive Hilfen:
- Die Gefühlsampel: Rot (Stopp, atmen), Gelb (Nachdenken, Plan B?), Grün (Handeln).
- SMART-Ziele: Helfen Sie Kindern, Aufgaben in kleine, bewältigbare Happen zu zerlegen, um kognitiven Stress durch Überforderung zu vermeiden.
- Reflexionsphasen: Kurze Momente nach einer Aufgabe: „Was hat mir geholfen, dranzubleiben?“
Das abc-Konzept für den Alltag
- Achtsam: Bedürfnisse wahrnehmen (Sich selbst und die Kinder).
- Bedacht: Erst regulieren, dann reagieren (Die Pause zwischen Reiz und Reaktion nutzen).
- Clever: Strategien wie Plan-B oder die Pomodoro-Technik für Kinder etablieren.
👉 Selbstregulation ist eine Teamleistung zwischen Lehrkraft und Schüler.

Eine Investition in die Zukunft
Wenn Kinder in Schule und Kita Selbstregulation lernen, ist das die beste Prävention gegen psychische Erkrankungen und Bildungsabbruch. Es geht nicht um Disziplinierung, sondern um die Befähigung zum selbstbestimmten Leben. Die aktuelle Bildungsdebatte 2025/26 zeigt deutlich: Fachwissen ist vergänglich, aber die Kompetenz zur Selbststeuerung ist die wahre „Superpower“ des 21. Jahrhunderts. Fangen wir bei uns selbst an und gestalten wir Umgebungen, in denen jedes Nervensystem zur Ruhe kommen kann.
Bildquellen
- Pixabay @ Hanna Kovalchuk
- Pexels @ Mikhail Nilov
- Unsplash @ Patty Brito
Quellen
- https://www.leopoldina.org/publikationen/detailansicht/publication/foerderung-der-selbstregulationskompetenzen-von-kindern-und-jugendlichen-an-kindertageseinrichtungen-und-schulen-2024/
- https://abc.znl-ulm.de/
- https://deutsches-schulportal.de/unterricht/vier-einfache-uebungen-die-selbstregulation-foerdern/
- https://self-reg.ca/the-steps-of-shanker-self-reg/
- https://grundschul-blog.de/wie-passt-die-pause-in-den-schultag/
- https://www.bildungsserver.de/schule/selbstregulation-beim-lernen-12865-de.html
- https://digital.hfh.ch/wissenwaswirkt/chapter/emotionsregulationstraining-ert-fuer-kinder-im-grundschulalter/
- Stuart Shanker: Reframed: Self-Reg for a Just Society, University of Toronto Press, 2025 (Revised Edition).
- Stuart Shanker & Susan Hopkins: Self-Reg Schools: A Handbook for Educators, Pearson, 2019.
- Arndt, P. A. et al.: „abc – achtsam, bedacht, clever“. Stärkung von exekutiven Funktionen und Selbstregulation, ZNL Abschlussbericht, 2025.
- Mierau, Susanne: Wie Kinder Selbstregulation lernen, 2025.
- Bohne, Michael: Prozess- und embodimentfokussiert arbeiten mit Kindern und Jugendlichen, Carl-Auer, 2022.


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