LRS und Legasthenie – ein zähes Ringen um Begriffe

Eine Einführung in das Thema Legasthenie von Uwe Hamann*

Die begriffliche Unterscheidung zwischen LRS und Legasthenie hat eine lange Geschichte und eine noch längere Tradition, sie ist aber keineswegs einheitlich entstanden. Selbst in der gegenwärtigen Literatur zur Legasthenie (1980 – 2009) werden die verschiedenartigen Begriffe sehr häufig synonym verwendet. Mediziner und Pädagogen haben eine unterschiedliche Herangehensweise und damit auch unterschiedliche Erklärungsmodelle. Das trägt zur Verwirrung bei, ohne an dieser Stelle Betroffenen weitergeholfen zu haben. Im vorliegenden Artikel wird eine Klärung und Zusammenführung der Begriffe versucht.

Mit Definitionen haben wir in den verschiedenen Bereichen der Pädagogik und Medizin unsere Erfahrungen. Meist ungute, wenn wir bedenken, dass seit dem Beginn der Schulpflicht in Deutschland vor weit über 350 Jahren, die meist männlichen Schüler eine Schulzeit kannten, die mit heutiger Pädagogik im allgemeinen nicht mehr viel zu tun hatte. Über Jahrhunderte gab es innerhalb der Schulen zwei Arten von Schülern: Die einen lernten Lesen und Schreiben, die anderen schwer oder überhaupt nicht.

Definitionen sind, mehr oder weniger, Begriffserklärungen, die sich, sofern es klappt, darum bemühen, eine gemeinsame Grundlage für die Begriffsverwendung zu schaffen. Gerade Wissenschaftler unterliegen der Versuchung, einen für sie augenscheinlichen Kontrast der Dinge aus der Wirklichkeit besonders intensiv wahrzunehmen und zu beschreiben. Insofern beschreiben sie die Begrifflichkeiten, indem sie die für ihr Fachgebiet relevanten Merkmale herausarbeiten. Wenn also ein Konstrukt beschrieben werden soll – und LRS und Legasthenie sind Konstruktionen die beschrieben werden müssen – so ist stets zu beachten, aus welchem Blickwinkel der Wissenschaftler auf die Thematik schaut.

Statt Klarheit: Begriffsverwirrung

Der Eine schreibt: „Als Synonyme für Legasthenie werden im deutschen Sprachgebrauch die Begriffe Leserechtschreibstörung (LRS) und Schreibleseschwäche (SLS) am häufigsten benutzt… Im angloamerikanischen Raum findet man folgende Bezeichnungen: dyslexia,  agraphia “ oder „Im deutschsprachigen Raum werden die Lernstörungen zum Teil als Legasthenie, aber auch als Lese-Rechtschreibschwäche (LRS im Raum Berlin) bezeichnet. Im angelsächsischen Gebiet wie auch in Ländern mit zugrundeliegenden romanischen Sprachen werden sie durch die beiden Bezeichnungen Dyslexie und Dysorthographie abgedeckt, wiederum ein Anderer erklärt auf dem Europäischen Fachkongress zur Legasthenie den Begriff „Legasthenie“ zum Oberbegriff: „Um die Legasthenie oder Dyslexie von anderen Problemen des Lernens abzugrenzen, werden sieben Kriterien genannt, die gemeinsam Legasthenie definieren“.  „Es kann daher unterschieden werden zwischen einer Schwäche der Encodierung einerseits (Dysorthographie oder Rechtschreibschwäche) und einer Schwäche der Decodierung (Legasthenie oder Leseschwäche) andererseits“.  Ein Teil von Wissenschaftlern oder Pädagogen führen eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen oder Studien auf, die eine klare Strukturierung oder sinnvolle Unterscheidung zwischen Legasthenie und LRS grundsätzlich ablehnen und kommen zu der Ansicht, dass die Begriffe legasthen, dyslektisch oder leserechtschreibschwach als Synonyme zu gebrauchen sind.

Sofern der Staat sich in die Belange von Begriffsfindungen einschaltet, kommen mitunter auch in diesem Fall einer Trennung der Begriffe mit weitreichenden schulrelevanten Folgen in Frage. So hat es das bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultur in seiner Bekanntmachung vom November 1999 vorgenommen. Dort heißt es u.a. „Zu unterscheiden ist eine Lese- und Rechtschreibstörung (Legasthenie, Dyslexie) mit teilweise hirnorganisch bedingten, gravierenden Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsstörungen von einer vorübergehenden Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS). Zu unterscheiden sind zusätzlich Erscheinungsformen der Lese- und Rechtschreibschwäche bei Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf.“

 

Haben Sie das gleiche Problem wie ich auch? Wir streiten erst einmal nur um Begriffe!

Eine  Vielzahl von Begriffen führt auch zu einer Vielzahl von Ableitungen, Konzepten und Erklärungsansätzen, deren Sinn oder Sinnlosigkeit nicht meine Aufgabe ist.

Jedoch gebe ich zu bedenken, dass den zuvor genannten Begriffen stets Konzepte zugrunde liegen, die den Standort und die Sichtweise des jeweiligen Autors widerspiegeln.

Der medizinisch orientierte, multifaktorielle Ansatz

In diesem Ansatz betonen die Fachleute den Aspekt der Beeinträchtigung des Erlernens der Schriftsprache in Abgrenzung zum späteren Verlust durch Unfälle o.ä. Die Störung des Schriftspracherwerbs sei eine Entwicklungsstörung und kein Verlustsyndrom, also eine Teilleistungsstörung, eine diagnostisch isolierfähige Schwäche im Erlernen des Lesens und Rechtschreibens. Als solche umschriebene Entwicklungsstörung ist sie eine Entdeckung, die Augenärzte, Chirurgen, Schulärzte und Neurologen im deutschen und angelsächsischen Sprachraum Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts machten.

Als Ursachen gelten:

  1. Somatogene Ursachen: Die Entwicklungsstörung wird primär durch konstitutionelle Faktoren bedingt; es sind prä-, peri- und postnatal entstandene Hirnfunktionsstörungen denkbar.
  2. Psychogene und soziokulturelle Ursachen, welche eine Entwicklungsstörung primär durch psychosoziale Einflüsse, psychogene Lernhemmungen und defizitäre Förderung bedingen ließe.
  3. Genetische Faktoren: Viele Untersuchungen in Familien und Zwillingsstudien bestätigen eine vererbbare Disposition.
  4. Minimale zerebrale Dysfunktion: Auch hier haben Langzeituntersuchungen hohe Zusammenhänge aufgezeigt, jedoch ist diese Störung selbst einem Wandel in der Betrachtung unterzogen worden.

Insofern suchen wir einen Nenner, der sich aus der Übereinstimmung ergeben könnte, dass die Lese- und Rechtschreibstörung ein heterogenes Syndrom ist.

Hier verweise ich zudem auf das Modell der Teilleistungsschwächen von SCHMIDT (1977).

Teilleistungsschwächen nach Schmidt, 1977

Das medizinische gegen das pädagogische Konzept, ist das sinnvoll?

Es handelt sich um eine Visuelle Wahrnehmungsschwäche

Die Dysfunktion der Augenbewegung, längere Fixationszeiten, instabiles Sehen usw. konnten bestätigt werden bei ca. 5% der legasthenen Kinder zwischen 7  und 11 Jahren. Weitere histologische Untersuchungen zeigten bei Legasthenikern eine Verminderung der Zahl der Nervenzellen in der Riesenzellschicht. Die Riesenzellen sind teilweise für die Vorverarbeitung von Informationen, welche schnell hintereinander eintreffen und nur einen geringen Kontrast aufweisen, verantwortlich.

  1. die bisherigen Untersuchungsergebnisse geben Anlass, erneut über spezifische visuelle Wahrnehmungsschwächen bei legasthenen Kindern nachzudenken
  2. Egal ob ein pädagogisches oder medizinisches Problem zugrundegelegt werden kann, muss so oder so eine Therapie oder Förderung unter Einbeziehung alles Faktoren stattfinden bevor das Thema zum Problem und schließlich zur Lernfalle wird.

Zu den weiteren Fähigkeiten zählen ebenso die auditiven Wahrnehmungsstörrungen. Im Vordergrund stehen Schwächen in der Phonemanalyse und in der phonematischen Bewusstheit allgemein. Mittlerweile gilt es als empirisch gesichert, dass Schwächen in der phonematischen Differenzierungsfähigkeit bei legasthenen Kindern eine große Rolle spielen.

Weitere Teilleistungsschwächen könnten ebenso die Vermutung nahelegen, dass Störungen in der Dominanzentwicklung Legasthenie mit bedingen können, jedoch konnte dies bisher nicht wissenschaftlich bestätigt werden.  Viele Therapieverfahren  beziehen jedoch Übungen zur Verbesserung der Koordination und Hirnhemisphärendominanz in ihr Programm mit ein. Als legasthen-typisch erwiesen sich Defizite in der auditiven Wahrnehmung und Merkfähigkeit und der Sprachproduktion.

Vor allem wegen der Widersprüchlichkeit der medizinischen Forschungsergebnisse entwickelte sich das  Pädagogische Konzept. Die Hauptthesen und gleichzeitig „Vorwürfe“ gegen das medizinische Konzept lauten:

  1. Intelligenz und Schulleistung korrelieren nur mäßig miteinander und Diskrepanzen zwischen beiden sind zu erwarten.
  2. LRS ist eine Beschreibung für eine Variante normaler Begabung und keine Störung.
  3. Es gibt weder spezifische Symptome noch kausale Basisstörungen.
  4. Statt psychometrischer und operationalisierter Diagnostik ist eine ganzheitliche Betrachtung erforderlich (Schulleistung, Persönlichkeit, Förderung, Umfeld).
  5. Kinder bedürfen einer guten Pädagogik und keiner Therapie.
  6. Pathologisierung (Krankmachung) lernschwacher Schüler, was eine ungerechtfertigte Vereinfachung komplexer Zusammenhänge durch Zurückführung auf Einzelschritte in der Informationsverarbeitung darstellt.
  7. Legasthenie und LRS in Schulalltag und Beratung, Fortbildung für Beratungslehrer.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass es bislang nicht gelungen ist, die Gruppe von Kindern mit einer Diskrepanz zwischen Lese-Rechtschreibleistungen und allgemeiner Intelligenz durch Besonderheiten hinsichtlich der Art der Worterfassung, in Hinblick auf neuroanatomische Besonderheiten oder genetische Grundlagen, klar als legasthene Gruppe zu identifizieren. Aus Sicht wissenschaftlicher und empirischer Zeugnisse stehen somit die beiden Konzepte der Medizin und der Pädagogik gleichwertig nebeneinander. Bislang konnte keine wissenschaftlich begründete Entscheidung über die Richtigkeit der einen oder der anderen Hypothese mit Sicherheit getroffen werden. Eines jedoch zeigt sich in der Diskussion mit betroffenen Eltern von Kindern in der Schulsituation deutlich: Meist Überforderung und Hilflosigkeit. An dieser Stelle ist der Hinweis erlaubt, dass es um eine Störung geht und Ideologien bislang nicht weiterhalfen, die Situation sogar noch verschlimmerten.

Die LRS und Legasthenie im Schulalltag

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Die beschriebenen Themen und Konzepte prägen natürlich auch den gesamten Schulalltag. Die Definitionen von Legasthenie und LRS, der Umgang mit den betroffenen legasthenen Kindern, die Auswirkungen auf  eine Lernmethodik und/oder Förderung bis hin zum Nachteilsausgleich kennzeichnen den jeweiligen Aspekt in der Schulbehörde, welches die Beratungsfachkräfte und Lehrer im Grunde damit alleine lassen. Die große Bandbreite der aufgeführten Bereiche, die Herleitung, Ursachen, die verschiedenen Erklärungsmodelle und Interventionsvorschläge sollten uns nachdenklich stimmen, denn es geht immer um einen Einzelfall der den Anspruch hat verschiedene Standpunkte einander anzunähern.

Es wäre durchaus hilfreich, für den Schulalltag einheitliche Orientierungshilfen zu haben, um pädagogisch-psychologische Ermessensspielräume nicht in Willkür ausarten zu lassen. In diesem Sinn sind die KMK- Richtlinien vom November 1999 ein begrüßenswerter Schritt, um betroffenen Kindern zu helfen und das ist es was zählt.

Weitergehende Literatur und Fördermaterialien zum Thema LRS und Legasthenie finden Sie bei Spielundlern.de, z.B das Standardwerk von 1991 zu diesem wichtigen Thema in einer komplett überarbeiteten und aktualisierten Ausgabe: Lehrer-Bücherei: Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten: vorbeugen und überwinden (Neubearbeitung 2006) Von der Legasthenie zur LRS – LRS-Diagnose – Förderkonzepte und Übungsmaterialien. Im Mittelpunkt stehen Maßnahmen, die Kindern helfen, erfolgreich Lesen und Rechtschreiben zu lernen. Zudem gibt das Buch einen Überblick über die aktuelle Diskussion, wie sie auch in diesem Artikel dargestellt wurde.

* Uwe Hamann, Jahrgang 1964, ist ausgebildeter staatlich anerkannter Logopäde. Im Netzwerk Theranetz vereinen sich Kompetenz und Engagement aus den Bereichen Legasthenie- und Dyskalkulietherapie interdisziplinär berufsübergreifend mit Schulen und anderen, daran beteiligten Berufsgruppen. Herr Hamann ist zertifizierter Legasthenie- und Dyskalkulietherapeut in einer der 14 Praxen in Berlin und Brandenburg.  Theranetz unterhält in Berlin und Brandenburg 26 Therapeuten.


2 Kommentare zu “LRS und Legasthenie – ein zähes Ringen um Begriffe”

  1. Gut zu wissen, dass im deutschsprachigen Raum die Lernstörungen zum Teil als Legasthenie und zum Teil als LRS bezeichnet. Interessant, dass Erscheinungsformen der Lese- und Rechtschreibschwäche bei Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf zusätzlich unterschieden werden müssen. Dass eine Legasthenie psychogene und genetische Ursachen haben kann, wusste ich nicht.

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