Karsten Noack ist Coach und Therapeut (www.karstennoack.de).

Er absolvierte zunächst ein technisches Studium mit Ingenieurabschluss, anschließend ein wirtschaftswissenschaftliches Studium und arbeitete danach als Manager. Seit über 25 Jahren begleitet er Menschen und Organisationen dabei den Fokus zu behalten. Bekannt ist er für seine Unterstützung im Umgang mit schwierigen Personen und Situation. Karsten Noack ist präsent auf www.karstennoack.de sowie bei YouTube unter: www.youtube.com/@karsten-noack
Die Neurobiologie der Aufmerksamkeit im Klassenzimmer
Eins vorweg: Ich arbeite als Coach und Berater in der Regel mit unternehmensnahen Themen.
Weil ich die Hälfte der Woche als Therapeut tätig bin, habe ich dort auch mitunter mit jüngeren Menschen zu tun. Am häufigststen habe ich mit diesem Kontext zu tun, weil meine Frau Pädagogin ist.
Multitasking im Schulalltag – Lehrkräfte müssen doch ständig gleichzeitig reagieren. Wie passt das zusammen?
Multitasking klingt nach Können. In der Praxis läuft es meist als ultraschnelles Wechseln zwischen Aufgaben: Blickkontakt hier, Konflikt dort, Inhalt weiterführen, Material suchen, Frage beantworten.
Das Gehirn leistet dabei Höchstleistungen. Es macht aus vielen Mikro-Switches eine Art „Betriebsmodus“. Das fühlt sich wie Gleichzeitigkeit an. Es bleibt dennoch Wechselarbeit – mit Wechselkosten. Qualität und effizient leiden. Der Kopf auch.
Die pragmatische Übersetzung für Schule lautet:
Du brauchst keine Illusion von „alles gleichzeitig“. Du brauchst gute Prioritäten in Echtzeit.
- Sicherheit und Beziehung.
- Struktur und Ruhe im Ablauf.
- Inhalt und Leistung.
Wenn Punkt 1 wackelt, verliert Punkt 3 automatisch an Qualität. Das ist keine Pädagogik-Floskel, das ist Neurobiologie.

Welche langfristigen Konsequenzen hat ständiges Task-Switching für die kognitive Entwicklung von Kindern?
Kinderhirne lernen, worauf sie trainiert werden. Eine Umgebung mit dauerndem Wechsel trainiert vor allem: Reiz-Scanning, Unterbrechungstoleranz und Oberflächenverarbeitung. Das kann kurzfristig anpassungsfähig wirken. Langfristig fehlt oft etwas anderes: Aufmerksamkeitsausdauer, Arbeitsgedächtnis-Stabilität, Frustrationstoleranz und die Fähigkeit, in ein Thema „hineinzusinken“.
Zwei typische Folgen, die ich häufig sehe:
- Weniger tiefes Lernen: Inhalte werden schneller weil oberflächlicher verstanden, langsamer verankert.
- Mehr innere Unruhe: Der Körper koppelt Lernen an Alarm-Redaktionsgeschwindigkeit statt an stabile Präsenz.
Die gute Nachricht: Das System bleibt formbar. Kinder profitieren enorm von Inseln des Singletaskings – klar definiert, wohlwollend geführt, regelmäßig wiederholt.
Warum ist der pädagogische Sektor so anfällig für kognitive Überlastung – und welche Warnsignale werden oft übersehen?
Pädagogik vereint mehrere Hochlast-Faktoren: dauernde soziale Resonanz, emotionale Verantwortung, viele Mikroentscheidungen, kaum echte Pausen, zusätzlich Dokumentation. Dazu kommt: Lehrkräfte regulieren oft nicht nur sich, sondern ein ganzes Nervensystem-Feld im Raum.
Frühe Warnsignale wirken harmlos, sind es im Verlauf selten:
- Reizbarkeit und dünnere Geduld am Nachmittag
- Gedankenkreisen nach Feierabend
- Schlaf wird flacher, Aufwachen wird zäher
- Zynismus als vermeintlich schützende Humor.
- Verspannte Kiefer, Kopfdruck, Magen, häufiger Infekt
Viele übergehen diese Marker, weil sie als „Berufsnormalität“ etikettiert werden. Aus meiner Sicht sind das Energie-Lecks, die früh abdichtbar sind.

Heterogenität: mehrere Lernprozesse gleichzeitig moderieren – effizient oder lieber zeitlich trennen?
Das Gehirn liebt Klarheit. Für Lernende wie für Lehrende.
Gleichzeitiges Moderieren wirkt effizient, weil es den Raum „bedient“. Neurobiologisch kostet es jedoch Fokus-Qualität und erhöht Fehler.
Sinnvoller ist oft ein Hybrid:
- Zeitfenster statt Dauerparallelität: 10–15 Minuten fokussiert auf Gruppe A, dann klarer Switch zu Gruppe B.
- Routinen als Autopilot: Wiederkehrende Aufgaben laufen über feste Abläufe, damit der präfrontale Kortex entlastet wird.
- Selbstständige Lernschleifen: Während du führst, arbeitet eine andere Gruppe in stabilen, einfachen Strukturen weiter.
Das fühlt sich anfangs weniger „aktiv“ an, wirkt dafür nachhaltiger – für Lernerfolg und Nervensystem.

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„Schutzzonen“ und „Separatoren“ – wie sieht das konkret in Kita oder Grundschule aus?
Schutzzonen sind kleine Inseln mit klarer Bedeutung. Separatoren sind Übergänge, die das Gehirn spürbar umschalten lassen.
Beispiele, die in lauten Umfeldern funktionieren:
- Visuelle Zone: Ein Tisch mit Schild „Lehrer-Minute“ oder ein farbiger Teppich: Wer dort steht, wartet kurz.
- Akustischer Separator: Ein kurzer Klang (Triangel, Glocke, Handzeichen-Rhythmus). Nicht als Kontrolle, als gemeinsamer Reset.
- Körperlicher Separator: Ein Atemzug mit Hand auf Brust, dann Blick in die Runde. Das dauert 3 Sekunden und sortiert dein System.
- Mikro-Regel: „Erst Blickkontakt, dann Wort.“ Das reduziert Zwischenrufe und rettet Fokus.
Ziel: weniger Dauerreaktion, mehr geführte Reaktion.

„Gedanken sichern“ im Notizbuch – wie nutzen Lehrkräfte das im Unterricht?
Ich nenne das gern „Parkplatz fürs Gehirn“. Ein Gedanke will erledigt werden. Wenn er keinen Parkplatz bekommt, zieht er Aufmerksamkeit ab.
Konkret im Unterricht:
- Ein kleines Heft oder Karteikarte am Pult: „Parkplatz“.
- Wenn ein Orga-Gedanke auftaucht: 5 Sekunden notieren. Dann zurück zur Klasse.
- Nach der Stunde: 2 Minuten Parkplatz leeren und in To-dos überführen.
Das schafft eine starke innere Botschaft: „Ich vergesse mich nicht. Ich bleibe bei der Sache.“ Und genau das beruhigt Fokus-Systeme.
Smartphones als Lernwerkzeug – wie gelingt die Gratwanderung zwischen Potenzial und Fragmentierung?
Digitale Tools funktionieren gut, wenn sie gerahmt werden. Unrahmte Nutzung lädt Fragmentierung ein.
Praktische Leitplanken:
- Klare Zeitfenster: „Jetzt 6 Minuten Recherche, danach Geräte weg.“
- Ein Zweck pro Phase: Entweder Recherche oder Dokumentation oder Quiz. Kein Mischbetrieb.
- Einheitliche Ablage: QR-Code, Link-Sammlung, Aufgabenblatt. Weniger Suchen, mehr Lernen.
- Ritual fürs Weglegen: Geräte in eine Box, Display nach unten, Fokus-Signal an die Gruppe.
So bleibt das Smartphone Werkzeug statt Dauertrigger.

Unbeendete Korrekturen binden Energie – warum Aufgaben am Stück abschließen, und was tun bei Zeitmangel?
Offene Aufgaben bleiben als „mentale Tabs“ aktiv. Das kostet Hintergrundenergie. Viele unterschätzen diesen stillen Stromverbrauch.
Am Stück abschließen wirkt, weil:
- du weniger Anlaufzeit brauchst
- du weniger Kontextwechsel erlebst
- du schneller in einen ruhigen Arbeitsfluss kommst
Wenn die Zeit knapp bleibt:
- Korrektur-Sprints: 25 Minuten, 5 Minuten Pause, 25 Minuten.
- Batching nach Aufgabentyp: erst alle Rechtschreibung, dann Inhalt, dann Note.
- Definition von „fertig“: klare Kriterien, damit du nicht in Perfektionsschleifen rutschst.
- Mini-Abschluss: Wenn ein kompletter Stapel zu groß ist: ein ganzer Klassensatz in einem Kriterium. Das zählt als Abschluss-Einheit.
Das Ziel heißt: weniger offene Schleifen, mehr klare Endpunkte.

Individuelle Expertise und Zukunft der Selbstführung
Diplom-Ingenieur und Psychotherapeut – wie hilft Ihnen dieser duale Blick, Bildungsorganisation systemisch zu optimieren?
Der Ingenieur in mir sieht Prozesse, Engpässe, Schnittstellen, Rückkopplungen. Der Therapeut in mir sieht Nervensysteme, Beziehung, Sinn und Schutzstrategien.
In Schulen entstehen viele Probleme an Übergängen: Stunde zu Stunde, Rolle zu Rolle, Mensch zu Mensch. Systemisch optimieren heißt daher oft:
- Übergänge vereinfachen
- Entscheidungsdruck reduzieren
- Standards schaffen, die entlasten
- Beziehung als tragende Infrastruktur behandeln, nicht als Extra
Wenn Prozesse die menschliche Realität respektieren, steigt Qualität. Wenn Prozesse gegen sie laufen, steigt Reibung.
Walk & Talk – welche Erfahrungen machen Sie beim Gehen und Problemlösen, und wie könnten Therapeuten das mit Kindern nutzen?
Gehen bringt viele Menschen in einen besseren Denkmodus: Rhythmus, Atmung, Blick in die Weite, weniger „Fixieren“. Oft kommen Lösungen mit weniger Druck und mehr Kreativität.
In meiner Praxis erlebe ich beim Gehen häufig:
- schnellerer Zugang zu neuen Perspektiven
- weniger Grübelschleifen
- mehr Körpergefühl, dadurch bessere Selbstregulation
Für Kinder ist das Gold wert:
- Gespräche beim Gehen, nebenher, weniger frontal
- „Therapie-Parcours“ mit Stationen: Gefühl benennen, Körper spüren, Lösungsschritt wählen
- Natur als Co-Regulator: Geräusche, Wind, Boden unter den Füßen
Das macht Probleme kleiner und Handlungsspielräume größer.

Was raten Sie einer Lehrkraft, die im Hamsterrad des Multitaskings steckt und den Mut verloren hat, Prioritäten zu verteidigen?
Erst: Du brauchst keinen stärkeren Willen. Du brauchst ein besseres System. Mut entsteht, wenn dein Nervensystem wieder Luft bekommt.
Drei Schritte, die ich häufig empfehle:
- Eine Priorität pro Tag: Was macht heute wirklich den Unterschied – für Lernen, für Beziehung, für dich?
- Ein sichtbares Nein: eine feste Grenze, klein, klar, wiederholbar. Zum Beispiel: „Nach 19 Uhr keine Mails.“
- Ein täglicher Abschluss: 5 Minuten, in denen du deinen Kopf leerst: Parkplatzliste, 3 Häkchen, Feierabendmarke.
Und ganz wichtig: Verbündete suchen. Im Kollegium. In der Schulleitung. Prioritäten halten sich leichter im Team als allein im Gegenwind.
Experteninterview: Psychotherapeut Dr. Florian Theis
Über Imaginationsübungen in der Therapie

ChatGPT, Dauerinformationen, Selbstdenken – wird Singletasking zum Statussymbol der Zukunft?
Singletasking wird zur seltenen Kompetenz. Seltenes wird wertvoll. In diesem Sinn: ja, tiefer Fokus wirkt wie ein Luxus.
Gleichzeitig bleibt es etwas Demokratisches: Jeder Mensch kann Fokus trainieren, wenn Rahmen und Ritual stimmen.
Die Zukunft gehört Menschen, die zwei Dinge verbinden:
- kluge Tools für die Informationssammlung und Auswertung
- klare Fähigkeit zur Vertiefung und zum eigenen Urteil
Selbstdenken heißt: Ich verarbeite. Ich gewichte. Ich entscheide.
Singletasking liefert den Raum dafür. Und dieser Raum fühlt sich an wie innere Freiheit.
Bildquellen
- Autorenfoto @ Karsten Noack
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Quellen
- www.karstennoack.de
- www.youtube.com/@karsten-noack


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