Imitationslernen

Eltern kennen es nur zu gut: Kinder machen einfach alles nach. Kleinkinder lieben es ihre Eltern spielerisch nachzuahmen. Auf diese Weise werden Haushaltstätigkeiten oftmals stundenlang durchgespielt. Doch ist es nur Spiel? Schauen wir einmal genauer hin. Zunächst einmal beobachten Kinder ihre Eltern ganz genau. Dann erst erfolgt die Nachahmung. Was nach nur Spielen aussieht, ist eine Form des Lernens. Auf diese Weise lassen sich bestimmte Verhaltensweisen erlenen, auf die die Kinder später instinktiv zurückgreifen können. Dies ist insbesondere in Stresssituationen hilfreich, da nicht lange über ein Verhalten nachgedacht werden muss.

Weitere Bezeichnungen sind unter anderem das Lernen am Modell, Modelllernen, Nachahmungslernen, Beobachtungslernen, Rollenlernen, stellvertretendes Lernen, Identifikationslernen, soziales Lernen und Beobachtungslernen. Klein- und Vorschulkinder lernen in erster Linie durch das Beobachten eines Modells. Diese Lernform ermöglicht es, komplexe Verhaltensweisen leicht zu erlernen und zu übernehmen. Denn das Kind hat bereits erkannt, dass sie funktionieren. Somit muss es in einer ähnlichen Situation nicht erst viele verschiedene Handlungen ausprobieren. Dies erspart einiges an Lernzeit. Schon Säuglinge sind in der Lage, durch Beobachtung und Nachahmung neue Handlungen zu erlernen

Beim Imitationslernen kann zwischen folgenden zwei Zielen unterschieden werden:

  • Der kognitiven Erfahrung: fähig zu sein, das selbe machen zu können
  • Der emotionalen Erfahrung: das selbe erleben zu können

Theoretische Grundlagen und Annahmen

Es wird davon ausgegangen, dass sowohl Menschen als auch Tiere in der Lage sind, durch das Abschauen von Verhaltensweisen von anderen zu lernen. Anschließend verarbeiten sie kognitiv das Gesehene und erstellen dazu ein eigenes Konzept als Modell des eigenen Verhaltens. Dies gilt insbesondere für unsichere Menschen. Diese ahmen andere häufig nach.

Es handelt sich bei dem Imitationslernen um eine der ursprünglichsten Lernformen des Menschen. So wie es verschiedene Bezeichnungen der Lernform gibt, gibt es ebenso unterschiedliche Definitionen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es eine lernende Person gibt. Sie wird als Beobachter bezeichnet. Dazu existiert eine beobachtete Person, das Modell. Das Modell muss nicht zwingend real sein. Ebenso genügt fiktives oder symbolisches Modell.

Bei dem Imitationslernen geht es darum, dass eine Person ein bestimmtes Verhalten erlernt oder ein bestehendes Verhalten verändert. Einige Faktoren begünstigen den Lernprozess. Sie werden Verstärker genannt. Dazu gehört die Aussicht auf Erfolg oder Motivation, ebenso wie einige Merkmale des Modells. Beispielsweise ihre Kompetenz, ihr sozialer Status oder ihre soziale Macht genauso wie die Attraktivität. Von zentraler Bedeutung sind die Erwartung der Selbstwirksamkeit sowie die aktuelle Gefühlslage. Die theoretischen Grundlagen lassen sich auf Albert Bandura zurückführen.

Es gibt zwei unterschiedliche Strategien des Imitationslernens. Eine davon ist, die Handlung einfach zu wiederholen, also zu imitieren. Bei der anderen geht es um das Nachahmen der Absichten und Ziele der Person. Diese werden für die eigenen Handlungen abgeleitet, anstatt sie nur zu kopieren. Dies wird als Emulation bezeichnet.

Phasen und Prozesse beim Imitationslernen

Der Lernvorgang basiert auf der Beobachtung von Verhaltensweisen menschlicher Vorbilder. Zudem ist der Mensch zum Lernen durch Einsicht fähig (kognitives Lernen). Bandura unterteilt den Lernprozess in zwei Phasen bzw. vier Prozesse. Die erste Phase ist die Aneignung und die zweite die Ausführung. Jede Phase besteht wiederum aus zwei Prozessen.

Die Aneignungsphase beginnt mit dem Aufmerksamkeitsprozess. Dabei wird das Interesse des Beobachters geweckt und er richtet seine Aufmerksamkeit auf das Modell. Anschließend erfolgt der Behaltensprozess. Das gesehene Verhalten wird im Gedächtnis abgespeichert. Die bedeutendsten Passagen werden genauestens beobachtet. Bei der Ausführungsphase erfolgt der Reproduktionsprozess. Hierbei wird das gemerkte Verhalten nachgeahmt, also die erinnerten Bewegungsabläufe wiederholt. Anschließend kommt es zu einem Verstärkungs- und Motivationsprozess. Indem der Beobachter durch die Ausführung des gemerkten Verhaltens selbst Erfolge erlebt, wird das Verhalten verstärkt.

Ob ein Modell überhaupt interessant genug zum Beobachten ist hängt wiederum von verschiedenen Faktoren ab. Dazu zählen:

  • Die Persönlichkeitsmerkmale des Modells
  • Die Persönlichkeitsmerkmale des Beobachters
  • Die Beziehung zwischen Modell und Beobachter
  • Die gegebene Situationsbedingungen
  • Sowie die Motivation des Beobachters

Die Motivation des Beobachters hat ebenso Einfluss auf die Aneignungs- und Ausführungsphase. Der Lernende erhofft sich entweder Erfolg, beispielsweise durch einen Vorteil oder aber Nachteile und Misserfolg zu verhindern. Der Lernprozess an sich findet zudem auch ohne verstärkende Faktoren statt. Die Erwartungen des Beobachters bestimmen, ob ein Verhalten nachgeahmt wird oder nicht. Dass das Imitationslernen dennoch individuell unterschiedlich ist, wird durch die vier formulierten Thesen Banduras deutlich. Diese besagen:

  • Gelerntes wird nicht automatisch sofort gezeigt
  • Gelerntes kann modelliert werden und sich dann in verschiedenen Situationen zeigen
  • Der Lerninhalt muss nicht gesehen werden, eine Beschreibung ruft ebenfalls eine kognitive Repräsentation hervor
  • Das Gelernte lässt sich auf andere Bereiche übertragen.

Menschen lernen aktiv, indem sie sich mit ihrer Umwelt bewusst auseinandersetzen. Der Lernprozess basiert auf der gegenseitigen Wirkung der Person und ihrer Umwelt aufeinander. Schließlich ist der Mensch in der Lage, seine Handlung zu planen, sie zu reflektieren und sich selbst zu motivieren. Das Verhalten eines Menschen ist demnach ein aktiver kognitiver Vorgang auf der Grundlage der Wahrnehmung, der Verarbeitung und der Evaluierung eines (Umwelt-)Reizes.

Die Grundlage für seine Theorie bilden die Theorien der operanten und klassischen Konditionierung./ Seiner Theorie basieren auf Erkenntnissen aus der operanten und klassischen Konditionierung/ Kenntnisse aus operanter und klassischer Konditionierung liefern/bilden die Grundlage/Basis/Ausgangspunkt für seine Annahme.

Dabei gehört die Selbstwirksamkeit zu den zentralen Begriffen bei Bandura. Gemeint ist die Überzeugung, eine bestimmte Situation bewältigen zu können. Beim Imitationslernen lassen sich drei mögliche Effekte unterscheiden:

  1. Aneignung von neuem Verhalten
  2. Enthemmung oder Hemmung von vorhandenem, bereits gelernten Verhalten
  3. Ein bereits erworbenes Verhalten auszulösen

Viele Verhaltensweisen lassen sich durch Nachahmung erklären

Durch Spiegelneurone findet bereits im frühkindlichen Alter Nachahmung statt. Selbst dann wenn die Zusammenhänge noch nicht erkannt werden oder unerwünschte Folgen auftreten. Die Erkenntnisse aus Banduras Theorien sind fundiert, besitzen einen hohen Erklärungswert und leisten einen wichtigen Beitrag für die Pädagogik. So können Vorbilder, die überwiegend prosoziales Verhalten zeigen, dieses ebenfalls bei anderen Menschen auslösen. Von Bedeutung ist die reale Handlung. Vorausgesetzt die Person ist zum kritischen reflektierten Handeln fähig.

Seine Theorie besitzt einen hohen Stellenwert für den Alltag und die Erziehung. Das Erlernen vieler Verhaltensweisen lässt sich auf der Basis des Imitationslernens erklären, wie beispielsweise das Sprechen. Häufig sind weder dem Vorbild noch dem Lernenden ihre Rollen nicht bewusst. So kann zwischen dem mitdenkenden, bewussten Nachahmen und dem unbewussten Nachahmen unterschieden werden.

Bedeutung in der Therapie und Pädagogik

Das Prinzip des Imitationslernens kommt ebenfalls in der Verhaltenstherapie zum Einsatz. Dem Klienten wird ein Verhalten dargelegt, welches er nachahmen soll. Durch konstruktives Feedback und Ideen lässt es sich in echte Situationen übertragen. Somit erfolgt eine zielgerichtete Verwendung des Imitationslernens. Beispiele dafür sind: der Klient bleibt beim Anblick einer Spinne ruhig, obwohl er Angst vor Spinnen hat.

Je häufiger eine Verhaltensweise beobachtet wird, desto leichter wird sie nachgeahmt. Der Lernerfolg wird von den eigenen und beobachteten Fertigkeiten bestimmt. Je mehr sie sich unterscheiden, umso schwieriger fällt das Imitationslernen. Im sensorischen sowie motorischen Cortex werden die nachgeahmten Handlungen gespeichert. Somit werden sie vom Beobachter als eigene erlernte Fähigkeiten übernommen. Der Lernerfolg wird durch stetiges erneutes Versuchen und Verbessern im Zusammenspiel mit der visuellen propriozeptiven Bewegungs- und Ausführungskontrolle erhöht.

Albert Bandura sagte über das Lernen am Modell folgendes: „Das Lernen am Modell hat sich als ein sehr wirksames Mittel zur Schaffung abstrakten oder regelgeleitenden Verhaltens erwiesen. Auf der Grundlage von Regeln, die sie durch Beobachtung gewonnen haben, lernen die Menschen unter anderem Urteilsfähigkeit, Sprachstile, Begriffssysteme, Strategien zur Informationsverarbeitung, kognitive Operationen und Verhaltensstandards.“

Bedeutung für den Mediengebrauch

Seine gewonnenen Erkenntnisse fließen in vielen pädagogischen Konzepten mit ein. Da ebenfalls destruktives Verhalten von negativen Vorbildern zur Nachahmung führt und das Imitationslernen zudem durch das Beobachten fiktiver Figuren möglich ist, ist dies von Bedeutung für den Einfluss von Medien. Besonders Kinder im Vor- und Grundschulalter lassen sich leicht durch Medien beeinflussen, da sie die Realität noch nicht von der Illusion unterscheiden können. Deshalb sind geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um unerwünschte Einflüsse durch Medien zu vermeiden.

Dazu gehören die Auswahl der Medien, deren Nutzungszeiten festzulegen, mit den Kindern über die neuen Eindrücke zu sprechen und eben auch, dass Eltern ihren eigenen Mediengebrauch reflektieren. Bei der Wahl von pädagogischen Sendungen ist darauf zu achten, dass die Inhalte die Kinder nicht überfordern. Speziell bei Gewaltdarstellungen zeigt sich die Medienproblematik. Kinder empfinden sie als real, weshalb sie das Lernen von Aggressionen verstärken können. Hierbei zeigt sich, dass der Fernseher als Babysitter als völlig ungeeignet einzustufen ist.

Bei den Medien dienen Idole aus Büchern oder Heften genauso als Vorbilder. Verhalten sie sich positiv und gesellschaftstauglich wirkt sich dies positiv auf das Imitationslernen der Kinder aus. Insbesondere kleinere Kinder eifern ihren Helden im Rollenspiel nach. Der Medienkonsum ist nicht per se als gut oder schlecht zu bewerten. Es ist vielmehr die Auswahl entscheidend.

Imitationslernen und das Rollenspiel

Kleine Kinder lieben es, die Handlungen von Erwachsenen zu imitieren und den Alltag in Form von Rollenspielen nachzuahmen. Sie lernen sich selbst und ihre Umgebung dabei besser kennen. Bereits mit 2 Jahren beginnen diese Rollenspiele. Die meisten Kinder nehmen gern Rollenspielzeuge. Diese sehen aus wie die Gegenstände, die die Erwachsenen verwenden. Auf diese Weise machen die Kinder sich ein eigenes Bild der sie umgebenden Realität. Zudem regen sie die kognitive Entwicklung des Kindes an.

Beispiele für Imitationslernen sind:

  • Blumen gießen
  • Einkaufen gehen
  • Schnürsenkel zubinden
  • Sportliche Aktivitäten, z.B. Fahrrad fahren, Seilspringen usw.
  • Bitte und Danke sagen
  • Schere, Stift usw. halten
  • Malen, Zeichnen
  • Basteln, Bauen
  • Tisch decken und abräumen
  • Getränke eingießen
  • Umgang mit Besteck, Essstäbchen usw.
  • Nüsse knacken

Diese Liste ließe sich noch beliebig lang fortführen. Sehr viele Verhaltensweisen beruhen auf der Imitation.

Die Imitation wird ebenfalls als Zeichen angesehen, sich sozial auf andere einzustimmen. Bereits unter 3-jährige beobachten andere Kinder minutenlang beim Spielen. Mindestens genauso von Bedeutung ist es für Kinder, von anderen Kindern imitiert zu werden. Dies gilt als Zeichen von Interesse. Zudem möchte jeder gern zeigen, dass er etwas besonders gut kann oder besser kann als die anderen. Kleinere Kinder imitieren gern die großen, je nach ihren individuellen Interessen. Sie wollen von den größeren Kindern Beachtung erfahren. Größere Kinder wiederum haben großen Spaß daran, den kleineren Kindern etwas zum Imitieren zu zeigen.

Stimmen alle Voraussetzungen in der Kindertageseinrichtung, wirkt sich eine große Altersmischung positiv auf die Entwicklung der Kleinkinder aus. Dazu gehören die pädagogischen und strukturellen Voraussetzungen. Die Motivation zum Imitationslernen wird durch die begeisterten Blicke und dem Beifall der anderen gesteigert. Haben die Kinder Bestätigung erfahren, ein Verhalten erfolgreich imitiert zu haben, so beginnen sie eigene Varianten auszuprobieren. Diese bieten sie dann den anderen Kindern zum Nachahmen an. Durch die Imitation signalisieren Kinder, dass sie Teil einer Gruppe sein wollen. So lernen die Kinder gegenseitig voneinander.

Zudem wird der richtige Umgang mit Konflikten ebenfalls durch Nachahmung erlernt. Werden Kinder bei dem Prozess pädagogisch gut begleitet, hilft es ihnen sich ein eigenes Konflikthandling anzueignen. Streitsituationen von anderen erhöhen ihre Aufmerksamkeit. Dabei beobachten sie Kinder sowie Pädagogen. Zudem erleben sie das und wie man sich entschuldigen kann.

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Die Nachahmung gehört zu den angeborenen Verhaltensweisen

In der pädagogischen Arbeit lässt sich immer wieder beobachten, dass mehrere Kleinkinder sich auf die gleiche Weise fortbewegen. Beispielsweise hüpfen alle zusammen. Als würden die Kinder ihre Bewegungen synchronisieren. Die gegenseitige Imitation ist dem Menschen angeboren. Im Krippenalter werden besondere Sprecharten, Schreien, Singen oder theatrales „ausflippen“ genauso imitiert. Beginnt jemand spontan zu Lachen oder zu Weinen hält das Kleinkind inne und beobachtet das Geschehen aufmerksam. Ein Verhalten hat unterschiedliche Konsequenzen zur Folge. Sind die positiv wird es häufiger ausgeführt. Sind sie negativ, wird es sehr selten oder auch gar nicht gezeigt.

Ein Beispiel zum angeborenen Imitationslernen ist die sogenannte Gefühlsansteckung. Die Emotionale Imitation gehört zum Notfall-Verhaltensrepertoire. Ein Säugling beginnt plötzlich zu weinen. Die Kleinkinder in der Nähe fangen mit an. Hierbei helfen den Kindern Beruhigungssignale oder entspannter Körperkontakt.

Durch Imitationslernen werden entweder neue Verhaltensweisen erlernt oder bestehende erweitert bzw. modifiziert. Als Vorbilder kommen neben Eltern, Erziehern und Lehrern, ebenso ältere Geschwister, andere Kinder oder fiktive Figuren in Frage. Insbesondere Kleinkinder sind besonders aufmerksam. Sie beobachten alle anderen ganz genau. Zudem lernen die dabei, welche Reaktionen in welcher Situation angebracht sind.

Quellen

  • Bandura, Albert: Sozial-kognitive Lerntheorie. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1991, S. 50.
  • https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialkognitive_Lerntheorie
  • http://kas.zum.de/wiki/Imitationslernen
  • http://www.lern-psychologie.de/kognitiv/bandura.htm
  • https://www.medizin-wissen-online.de/index.php/psychiatrie-menue/18-psychotherapie/verhaltenstherapie/20-modelllernen
  • https://www.kindererziehung.com/Paedagogik/Psychologie/Lerntheorien/Lernen-am-Modell.php
  • https://dewiki.de/Lexikon/Sozialkognitive_Lerntheorie

Bild-Quellen

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