{"id":869,"date":"2017-01-12T21:34:02","date_gmt":"2017-01-12T20:34:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/?p=869"},"modified":"2024-05-23T11:16:27","modified_gmt":"2024-05-23T10:16:27","slug":"adhs-im-erwachsenenalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/","title":{"rendered":"ADHS im Erwachsenenalter"},"content":{"rendered":"<span class=\"span-reading-time rt-reading-time\" style=\"display: block;\"><span class=\"rt-label rt-prefix\">Lesedauer<\/span> <span class=\"rt-time\"> 6<\/span> <span class=\"rt-label rt-postfix\">Minuten<\/span><\/span><p>Lange galt ADHS als Kinderkrankheit, oft auch als Modeerkrankung aus den USA: gestresste Eltern gehen Pharmakonzerne auf den Leim und lassen die Abweichungen ihrer Kinder vom normierten Wohlverhalten zum Krankheitsbild erkl\u00e4ren. Daf\u00fcr bekommen Kinder ihr Ritalin, die Eltern endlich Ruhe. Aber schon im Jahre 1798 widmete der englische Arzt Alexander Crichton 46 Seiten seiner Studie \u00fcber &#8222;mental derangement&#8220; dem Ph\u00e4nomen einer gesteigerten Ablenkbarkeit (&#8222;heightened distractability&#8220;).<sup>1<\/sup> Und schon damals beschrieb Chrichton Kinder und Erwachsene als Betroffene.<sup>2 <\/sup>In der Forschung ist mittlerweile anerkannt, dass ADHS nicht auf die Kindheit beschr\u00e4nkt ist, sich also nicht einfach \u201eausw\u00e4chst\u201c.<!--more--><\/p>\n<div id=\"ez-toc-container\" class=\"ez-toc-v2_0_74 counter-hierarchy ez-toc-counter ez-toc-light-blue ez-toc-container-direction\">\n<div class=\"ez-toc-title-container\">\n<p class=\"ez-toc-title\" style=\"cursor:inherit\">Inhaltsverzeichnis<\/p>\n<span class=\"ez-toc-title-toggle\"><a href=\"#\" class=\"ez-toc-pull-right ez-toc-btn ez-toc-btn-xs ez-toc-btn-default ez-toc-toggle\" aria-label=\"Toggle Table of Content\"><span class=\"ez-toc-js-icon-con\"><span class=\"\"><span class=\"eztoc-hide\" style=\"display:none;\">Toggle<\/span><span class=\"ez-toc-icon-toggle-span\"><svg style=\"fill: #999;color:#999\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" class=\"list-377408\" width=\"20px\" height=\"20px\" viewBox=\"0 0 24 24\" fill=\"none\"><path d=\"M6 6H4v2h2V6zm14 0H8v2h12V6zM4 11h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2zM4 16h2v2H4v-2zm16 0H8v2h12v-2z\" fill=\"currentColor\"><\/path><\/svg><svg style=\"fill: #999;color:#999\" class=\"arrow-unsorted-368013\" xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"10px\" height=\"10px\" viewBox=\"0 0 24 24\" version=\"1.2\" baseProfile=\"tiny\"><path d=\"M18.2 9.3l-6.2-6.3-6.2 6.3c-.2.2-.3.4-.3.7s.1.5.3.7c.2.2.4.3.7.3h11c.3 0 .5-.1.7-.3.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7zM5.8 14.7l6.2 6.3 6.2-6.3c.2-.2.3-.5.3-.7s-.1-.5-.3-.7c-.2-.2-.4-.3-.7-.3h-11c-.3 0-.5.1-.7.3-.2.2-.3.5-.3.7s.1.5.3.7z\"\/><\/svg><\/span><\/span><\/span><\/a><\/span><\/div>\n<nav><ul class='ez-toc-list ez-toc-list-level-1 ' ><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-3'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-1\" href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/#Mit_ADHS_leben\" >Mit ADHS leben<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-3'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-2\" href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/#Symptome_und_Symptomverschiebung\" >Symptome und Symptomverschiebung<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-3'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-3\" href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/#Typische_Verhaltensweisen_bei_ADHS\" >Typische Verhaltensweisen bei ADHS<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-3'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-4\" href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/#Die_UTAH-Kriterien_bei_ADHS_im_Erwachsenenalter\" >Die UTAH-Kriterien bei ADHS im Erwachsenenalter<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-3'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-5\" href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/#Schwierigkeiten_bei_der_Diagnose_von_ADHS_im_Erwachsenenalter\" >Schwierigkeiten bei der Diagnose von ADHS im Erwachsenenalter<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-3'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-6\" href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/#Ursachen_fuer_ADHS\" >Ursachen f\u00fcr ADHS<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-3'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-7\" href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/#Auswirkungen_im_Alltag\" >Auswirkungen im Alltag<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-3'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-8\" href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/#Ist_ADHS_eine_Krankheit\" >Ist ADHS eine Krankheit?<\/a><\/li><li class='ez-toc-page-1 ez-toc-heading-level-3'><a class=\"ez-toc-link ez-toc-heading-9\" href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/adhs-im-erwachsenenalter\/#Die_positiven_Aspekte_sehen\" >Die positiven Aspekte sehen<\/a><\/li><\/ul><\/nav><\/div>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Mit_ADHS_leben\"><\/span>Mit ADHS leben<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p>In Langzeitstudien wurde die Entwicklung von Kindern mit ADHS bis nach der Adoleszenz untersucht: \u201eHeute wissen wir, dass ungef\u00e4hr 60% der betroffenen Kinder auch im Erwachsenenalter mit Beeintr\u00e4chtigungen aufgrund ihrer ADHS zu k\u00e4mpfen haben. Man sch\u00e4tzt, dass insgesamt etwa 3-4% aller Erwachsenen von ADHS betroffen sind.\u201c<sup>3<\/sup> Die Symptome m\u00f6gen sich im Erwachsenenalter teilweise ver\u00e4ndern (Stichwort Symptomverschiebung). Aber ein Gro\u00dfteil der Betroffenen muss also auch nach Kindheit und Adoleszenz mit der Herausforderung eines Aufmerksamkeitssyndroms leben (lernen). Viele Autoren und Informationsseiten im Internet verweisen allerdings auch darauf, dass Menschen mit ADHS nicht nur Defizite aufweisen. Auf der anderen Seite verf\u00fcgen sie auch \u00fcber besondere Ressourcen, die zu Erfolgen im Beruf beitragen k\u00f6nnen.<sup>4<\/sup> Walter Hultzsch, Facharzt f\u00fcr Kinder- und Jugendmedizin und ADS-Coach, betont dabei die Bedeutung einer stabilisierenden Partnerschaft f\u00fcr ADHS-Betroffene: \u201eADHS ist sicher auch Grundlage vieler positiven Eigenschaften: Kreativit\u00e4t, Entwicklungsdrang, Forschung und Selbst\u00e4ndigkeit. Erwachsene in diesen Rollen brauchen dann aber einen festen Partner, der ihre Struktur stabilisiert und sie unterst\u00fctzt. Fehlt dieser, so kann es schnell zum Zusammenbruch kommen.\u201c<sup>5<\/sup><\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Symptome_und_Symptomverschiebung\"><\/span><b>Symptome und Symptomverschiebung<\/b><span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p>ADS steht f\u00fcr Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder Aufmerksamkeitsdefizitst\u00f6rung. Kinder mit ADHS sind zus\u00e4tzlich hyperaktiv. Eine popul\u00e4re und immer noch relativ fr\u00fche Darstellung davon, wie Erwachsene solche Kinder wahrnehmen, findet sich in Heinrich Hoffmanns 1844 entstandenem Struwwelpeter-Buch. Hoffmann, praktischer Arzt und Geburtshelfer, schuf Figuren wie den Zappelphilipp oder Hans-Guck-In-Die-Luft. Er illustrierte damit in seinem mit Reimen versehenen Bilderbuch geradezu Pr\u00e4gnanztypen f\u00fcr die kindliche ADHS. Von hier leitet sich sogar die Namensgebung des Zappelphilipp-Syndroms ab. Andererseits mag der immense Erfolg des Hoffmannschen Buchs auch dazu beigetragen haben, die Wahrnehmung der ADHS-Symptomatik auf Erscheinungen in der Kindheit zu beschr\u00e4nken. Hinzu kommt aber auch, dass die Symptome im Erwachsenenalter sich in ihrer Erscheinungsweise zumindest teilweise ver\u00e4ndern.<\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Typische_Verhaltensweisen_bei_ADHS\"><\/span>Typische Verhaltensweisen bei ADHS<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p>Nach Johanna und Klaus H. Krause finden sich Hinweise auf das Vorhandensein von ADHS bei Erwachsenen in Verhaltensweisen und Defiziten, die isoliert betrachtet nicht allzu problematisch erscheinen k\u00f6nnten:<\/p>\n<ul>\n<li>Schwierigkeiten, in der Ausf\u00fchrung zwischen wichtigen und unwichtigen Dingen zu differenzieren<\/li>\n<li>fehlender \u00dcberblick bei der Arbeitsorganisation, Ausf\u00fchrung mehrerer Arbeiten \u201egleichzeitig\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>h\u00e4ufige Stimmungswechsel, die zu schwankender Arbeitsleistung f\u00fchren<\/li>\n<li>hektische Sprechweise<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Erinnerungsprobleme bei eigenen Handlungen<\/li>\n<li>Neigung zu Risikosportarten, die zu einer als angenehm empfundenen, besonderen Konzentrationsleistung zwingen<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>impulsives Kommunizieren eigener Ideen<\/li>\n<li>ungeduldiges bis aggressives Verhalten in Wartesituationen oder wenn andere als zu langsam empfunden werden<\/li>\n<li>Vermeidung von Situationen, die eine k\u00f6rperliche Ruhigstellung erfordern (z.B. Theaterbesuche, Langstreckenfl\u00fcge)<sup>6 <\/sup><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Die_UTAH-Kriterien_bei_ADHS_im_Erwachsenenalter\"><\/span>Die UTAH-Kriterien bei ADHS im Erwachsenenalter<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-1533 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/adhs-im-erwachsenenalter-001-237x300.jpg\" alt=\"impulsiver Erwachsener\" width=\"237\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/adhs-im-erwachsenenalter-001-237x300.jpg 237w, https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/adhs-im-erwachsenenalter-001.jpg 506w\" sizes=\"auto, (max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/>Erst 1995 formulierte Paul H. Wender, US-amerikanischer Psychiatrie-Professor und Autor von Standardwerken wie &#8222;The hyperactive Child&#8220; (1974), einen Kriterienkatalog f\u00fcr das Syndrom bei Erwachsenen. Von diese sieben Kriterien, Wender-UTAH-Kriterien genannt und mittlerweile international in der ADHS-Diagnostik eingesetzt, m\u00fcssen mindestens vier f\u00fcr eine positive Diagnose erf\u00fcllt sein:<\/p>\n<ul>\n<li>Aufmerksamkeitsst\u00f6rung (obligat)<\/li>\n<li>Motorische Hyperaktivit\u00e4t (obligat)<\/li>\n<li>Desorganisiertes Verhalten<\/li>\n<li>Affektlabilit\u00e4t<\/li>\n<li>St\u00f6rung und Affektkontrolle<\/li>\n<li>Impulsivit\u00e4t<\/li>\n<li>Emotionale \u00dcberreagibilit\u00e4t<\/li>\n<\/ul>\n<p>F\u00fcr Matthias Bender schlie\u00dft sich hier der Kreis: &#8222;Mit Wenders Publikation Attention-Deficit Hyperactivity Disorder in Adults war das Thema damit, fast 200 Jahre nach Crichton, wieder auf der diagnostischen und therapeutischen Agenda angekommen&#8220;.<sup>7<\/sup> Im Unterschied zur kindlichen ADHS tritt eine motorische Hyperaktivit\u00e4t im Erwachsenenalter aber nur selten deutlich auf. Der &#8222;hyperaktiv-impulsive Subtyp&#8220; erscheint &#8222;bei Erwachsenen von untergeordneter Bedeutung&#8220;.<sup>8<\/sup> Die \u00e4u\u00dferlich auff\u00e4llige motorische Hyperaktivit\u00e4t bei Kindern mit ADHS wandelt sich zu anderen Erscheinungsformen. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel innere Unruhe, die Unf\u00e4higkeit, sich zu entspannen oder eine &#8222;Dysphorie bei Inaktivit\u00e4t&#8220;. Diese Symptome, in den Wender-UTAH-Kriterien ausdr\u00fccklich als Spezifizierungen der obligaten &#8222;Motorischen Hyperaktivit\u00e4t&#8220; aufgef\u00fchrt<sup>9<\/sup>, verringern selbstverst\u00e4ndlich die Augenf\u00e4lligkeit einer fortgesetzten ADHS-Symptomatik.<\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Schwierigkeiten_bei_der_Diagnose_von_ADHS_im_Erwachsenenalter\"><\/span>Schwierigkeiten bei der Diagnose von ADHS im Erwachsenenalter<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p>Andere m\u00f6gliche Erscheinungen bei betroffenen Kindern verlieren sich beim \u00dcbergang ins Erwachsenenalter durchaus. Dagegen lassen sich allerdings pathologische Begleiterscheinungen, sogenannte Komorbidit\u00e4ten, bei Erwachsenen signifikant h\u00e4ufiger beobachten:<\/p>\n<p>\u201eDie gute Nachricht: Einige Symptome verschwinden tats\u00e4chlich. So haben Erwachsene mit ADHS kaum noch motorische Defizite oder Sprachst\u00f6rungen, Tics und Bettn\u00e4ssen sind ebenfalls selten, und auch das Sozialverhalten ist kaum noch gest\u00f6rt. Dagegen r\u00fccken neue Symptome in den Vordergrund: Die Pr\u00e4valenz von Angstst\u00f6rungen und Depressionen ist bei Erwachsenen mit ADHS doppelt so hoch wie bei Jugendlichen, soziale Phobien werden bei mehr als einem F\u00fcnftel der erkrankten Erwachsenen beobachtet.\u201c<sup>10<\/sup><\/p>\n<p>Bei einem Erwachsenen in einem klinischen Verfahren das erste Mal ADHS zu diagnostizieren hat zwei Voraussetzungen. Erstens muss nat\u00fcrlich eine ausreichende Plausibilit\u00e4t festgestellt werden k\u00f6nnen. Zweitens muss bei dem\/der Betroffenen bereits in der Kindheit die entsprechende Symptomatik vorliegen: &#8222;However, a patient must have had ADHD as a child to be diagnosed with ADHD as an adult.&#8220;<sup>11<\/sup><\/p>\n<p>Auch angesichts der Schwierigkeit, das Vorhandensein einer kindlichen ADHS im Nachhinein nachzuvollziehen, spricht sich Wenders daf\u00fcr aus, sich neben standardisierten Frage- und Diagnoseb\u00f6gen wie das ADHS-Screening f\u00fcr Erwachsene (ADHS-E) auch auf die Auswertung der Patientengespr\u00e4che zu st\u00fctzen: &#8222;rating scales are not as good as interviews.&#8220;<sup>12<\/sup><\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Ursachen_fuer_ADHS\"><\/span><b>Ursachen f\u00fcr ADHS<br \/>\n<\/b><span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p>ADHS gilt heute als genetisch bedingt. Eltern k\u00f6nnen es an ihre Kinder vererben. Entsprechende Wahrscheinlichkeiten sind wissenschaftlich \u00fcber Zwillings- und Adoptionsstudien erfasst. Die Disposition f\u00fcr die Entstehung einer ADHS l\u00e4sst sich weitgehend neurobiologisch erkl\u00e4ren:<\/p>\n<p>\u201eAufmerksamkeitsst\u00f6rung und Impulsivit\u00e4t gelten zum gegenw\u00e4rtigen Stand der Forschung als Folge einer St\u00f6rung der Kommunikation zwischen Stirnhirn und Basalganglien. Bei ADS\/ADHS ist die Aktivit\u00e4t der Nervenzellen in diesem Bereich deutlich herabgesetzt. Ausschlaggebend daf\u00fcr ist ein Ungleichgewicht von Botenstoffen im synaptischen Spalt.\u201c<sup>13<\/sup><\/p>\n<p>Mittels Computertomografie kann nachgewiesen werden, dass der wichtigste Neurotransmitter, das Dopamin, bei der Informations\u00fcbertragung zu schnell wieder von den Nervenzellen absorbiert wird. Im Grunde genommen kommt es damit zu einer Reiz\u00fcberflutung.<sup>14<\/sup> Mit anderen Worten erscheint ADHS so als Regulationsst\u00f6rung wichtiger Botenstoffe im Gehirn. Auch wenn die Forschung damit keineswegs \u00fcber keine vollst\u00e4ndige Aufkl\u00e4rung der Ursachen und Zusammenh\u00e4nge bei der Entstehung des Syndroms verf\u00fcgt. Es l\u00e4sst sich so doch gesichert sagen, dass ADHS-Patienten \u201edeutliche Auff\u00e4lligkeiten in den Botenstoffsystemen des Gehirns [aufweisen], die f\u00fcr die Informations\u00fcbertragung und das Zusammenspiel von Hirnregionen miteinander zust\u00e4ndig sind.\u201c<sup>15<\/sup><\/p>\n<p>Von hier aus ist es \u2013 besonders in der Auseinandersetzung mit dem Einzelfall \u2013 allerdings ein weiter Weg, das konkrete Zusammenspiel von Veranlagung und Umwelt, von Disposition und Bedingungen f\u00fcr die tats\u00e4chliche Herausbildung einer ADHS in ihren verschiedenen Auspr\u00e4gungsgraden wirklich zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Auswirkungen_im_Alltag\"><\/span><b>Auswirkungen im Alltag<\/b><span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p>ADHS ist in seinen Auswirkungen eine alle Lebensbereiche ber\u00fchrende Symptomatik. In der Ausbildung k\u00f6nnen Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit oft nicht die ihren Begabungen entsprechenden Ergebnisse erzielen. Wenn in den weiterf\u00fchrenden Schulen die Anforderungen an Konzentration im Unterricht und Ausdauer beim Lernen steigen, nehmen auch die Schulprobleme zu: \u201eADHS geht mit einer erh\u00f6hten Rate an Klassenwiederholungen, geringer qualifizierten Bildungsabschl\u00fcssen, Ausbildungsabbr\u00fcchen, fehlenden Ausbildungen und Studienschwierigkeiten einher.\u201c<sup>16<\/sup> In der Konsequenz sind ADHS-Betroffene im Vergleich zu ihrem Begabungsniveau oft unterqualifiziert besch\u00e4ftigt. Oder sie m\u00fcssen einer Tendenz zu langsamerem bzw. fehlerhaftem Arbeiten durch permanentes Ans-Limit-Gehen entgegensteuern, um nicht auf massive Problemen im Beruf zu sto\u00dfen. Dementsprechend resultiert f\u00fcr ADHS-Betroffene&nbsp; aus der wiederholten Konfrontation mit den eigenen Einschr\u00e4nkungen und Misserfolgserfahrungen oft ein stark vermindertes Selbstvertrauen. Schlie\u00dflich kann sich ein weitgehendes Vermeidungsverhalten herausbilden. Erledigungen werden herausgeschoben, allt\u00e4gliche Herausforderungen umgangen, wodurch zus\u00e4tzliche Schwierigkeiten in der Lebensbew\u00e4ltigung entstehen. Die mit ADHS h\u00e4ufig einhergehende Impulsivit\u00e4t und die Neigung zur emotionalen \u00dcberreaktion f\u00fchren zu einer fortgesetzten Belastung sozialer Beziehungen. Insbesondere Partnerschaften leiden erh\u00f6ht unter unvorhersehbarem Verhalten oder unvermittelten Wutausbr\u00fcchen von Menschen mit ADHS.<sup>17<\/sup><\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Ist_ADHS_eine_Krankheit\"><\/span><b>Ist ADHS eine Krankheit?<\/b><span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p>Wer sich damit auseinandersetzen muss, ob selbst betroffen zu sein, f\u00fcr den kann es eine wichtige Frage sein, ob ADS(H)S als Krankheit zu verstehen ist. Generell besteht bei der Klassifizierung als Erkrankung immer auch ein erh\u00f6htes Risiko der Stigmatisierung und der Tendenz zur Selbstentwertung. Es ist daher ratsam, den Begriff der Erkrankung nur in Relation zur jeweils individuellen Problematik eines Betroffenen anzuwenden, d.h. abh\u00e4ngig davon, ob er (und gegebenenfalls sein Umfeld) die Symptomatik als Krankheit erleben:<\/p>\n<p>\u201eManche Menschen sind leicht betroffen und kommen mit ihrer Veranlagung mehr oder weniger gut zurecht. Sie w\u00fcrden ADS sicherlich nicht als Krankheit bezeichnen, sondern vielmehr als eine andere Art, die Welt zu sehen und auf sie zu reagieren. Andere Menschen sind stark beeintr\u00e4chtigt, leiden erheblich und ben\u00f6tigen Hilfen. In diesem Fall hat ADS Krankheitswert. ADS w\u00fcrde nicht krank machen, wenn die Gesellschaft diese Menschen so akzeptieren w\u00fcrde, wie sie sind und sich auf ihre Besonderheiten einstellen w\u00fcrde.\u201c<sup>18<\/sup><\/p><div class=\"spiel-beitrag-absatz\" style=\"margin-top: 12px;margin-bottom: 24px;\" id=\"spiel-3526034228\"><div class=\"spiel-adlabel\">Anzeige aus dem SpielundLern Shop<\/div><a href=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/index.php\/cPath\/640_7747\" aria-label=\"L\u00f6ffler Ergo Top Hocker Shop\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/l\u00f6ffler-ergo-top-shop-banner.jpg\" alt=\"L\u00f6ffler Ergo Top Hocker Shop\"  srcset=\"https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/l\u00f6ffler-ergo-top-shop-banner.jpg 640w, https:\/\/www.spielundlern.de\/wissen\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/l\u00f6ffler-ergo-top-shop-banner-300x94.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" width=\"640\" height=\"200\"  style=\"display: inline-block;\" \/><\/a><\/div>\n<p>Dementsprechend argumentiertet Helmut Bonney gegen eine Pathologisierung von Verhaltensauff\u00e4lligkeiten im Kontext von ADHS und gegen eine Verortung der damit einhergehenden Probleme einseitig im Individuum. Bonney, Autor von \u201eADHS \u2013 na und? Vom heilsamen Umgang mit handlungsbereiten wahrnehmungsstarken Kindern\u201c, pl\u00e4diert daf\u00fcr, ADHS vornehmlich als kulturelles Ph\u00e4nomen zu begreifen.<sup>19<\/sup><\/p>\n<h3><span class=\"ez-toc-section\" id=\"Die_positiven_Aspekte_sehen\"><\/span>Die positiven Aspekte sehen<span class=\"ez-toc-section-end\"><\/span><\/h3>\n<p>Auch andere Studien betonen die spezifischen Qualit\u00e4ten von Menschen mit ADHS, die sich auch beruflich nutzen lassen. Das Aufmerksamkeitsdefizit erfordert situationsbedingt z.B. die Herausbildung einer raschen Auffassungsgabe, von besonderer Kreativit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t. \u00dcberdurchschnittlich oft zeigen ADHS-Betroffene eine erh\u00f6hte Risikobereitschaft und Begeisterungsf\u00e4higkeit. In dem 2016 erschienenen Ratgeber \u201eADHS im Erwachsenenalter. Strategien und Hilfen f\u00fcr die Alltagsbew\u00e4ltigung\u201c kommen die Autoren daher zu der Schlussfolgerung: \u201eUnsere Welt w\u00e4re ohne Menschen mit ADHS \u00e4rmer, denn wir brauchen sie als diejenigen, die Innovationen, Revolutionen und Reformen machen, die hinterfragen und den Mut zum &#8218;Anders-Sein&#8216; haben.\u201c<sup>20 <\/sup><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr>\n<p><strong><span style=\"font-size: small;\">Quellenverweise:<\/span><\/strong><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">1 Chrichton, Alexander, zitiert nach Bender, Matthias: \u201e1798\u201c oder Zur Geschichte von ADHS bei Erwachsenen, S.4<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">2 vgl. Bender, Matthias: \u201e1798\u201c, S.4<\/span> <span style=\"font-size: small;\">3 http:\/\/www.info-adhs.de\/adhs-bei-erwachsenen.html<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">4 vgl. Bea, Myriam\/Rudolph, Matthias: ADHS &amp; Berufsleben, Vom Wendepunkt zu neuen Zielen, S.5 <\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">5 http:\/\/www.ads-im-erwachsenenalter.de\/hab_ich_ads.html<\/span> <span style=\"font-size: small;\">6 vgl: Bender, S. 30<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">7 ebd., S.29<\/span> <span style=\"font-size: small;\">8 Flyer Zentralinstitut f\u00fcr seelische Gesundheit Mannheim, https:\/\/www.zi-mannheim.de\/fileadmin\/user_upload\/downloads\/lehre\/flyer\/Flyer- ADHS_im_Erwachsenenalter.pdf, S.2<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">9 ebd., S.2<\/span> <span style=\"font-size: small;\">10 \u00c4rzte Zeitung f\u00fcr Neurologen\/Psychiater, 13.08.2010, http:\/\/www.aerztezeitung.de\/medizin\/krankheiten\/neuro- <\/span> <span style=\"font-size: small;\">psychiatrische_krankheiten\/adhs\/article\/608922\/adhs-bleibt-symptome-aendern.html<\/span> <span style=\"font-size: small;\">11 Wender, Paul H.: ADHD in Adults. Valid Diagnosis and Treatment Strategies?, S.4<\/span> <span style=\"font-size: small;\">12 Wender, Paul H.: ADHD in Adults , S.5<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">13 Bender, S.12<\/span> <span style=\"font-size: small;\">14 ebd., S.13<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">15 http:\/\/www.info-adhs.de\/adhs-verstehen\/was-sind-die-ursachen.html<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">16 Sobanski, Esther: ADHS im Erwachsenenalter, S. 16<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">17 Vgl. Sobanski, Esther, S.17<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">18 Christine Falk-Fr\u00fchbrodt, M.A., https:\/\/www.adhs-hyperaktivitaet.de\/Was_ist_ADS_ADHS.htm<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">19 vgl. ADHS ist keine Krankheit, Interview, http:\/\/www.spektrum.de\/news\/adhs-ist-keine-krankheit\/1160674<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: small;\">20 ADHS im Erwachsenenalter. Strategien und Hilfen f\u00fcr die Alltagsbew\u00e4ltigung<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"span-reading-time rt-reading-time\" style=\"display: block;\"><span class=\"rt-label rt-prefix\">Lesedauer<\/span> <span class=\"rt-time\"> 6<\/span> <span class=\"rt-label rt-postfix\">Minuten<\/span><\/span>Lange galt ADHS als Kinderkrankheit, oft auch als Modeerkrankung aus den USA: gestresste Eltern gehen Pharmakonzerne auf den Leim und lassen die Abweichungen ihrer Kinder vom normierten Wohlverhalten zum Krankheitsbild &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_lmt_disableupdate":"","_lmt_disable":"","footnotes":""},"categories":[3],"tags":[82],"class_list":["post-869","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-therapie","tag-adhs"],"featured_image_urls_v2":{"full":"","thumbnail":"","medium":"","medium_large":"","large":"","1536x1536":"","2048x2048":"","hitmag-landscape":"","hitmag-featured":"","hitmag-grid":"","hitmag-list":"","hitmag-thumbnail":""},"post_excerpt_stackable_v2":"<p>Lesedauer 6 MinutenLange galt ADHS als Kinderkrankheit, oft auch als Modeerkrankung aus den USA: gestresste Eltern gehen Pharmakonzerne auf den Leim und lassen die Abweichungen ihrer Kinder vom normierten Wohlverhalten zum Krankheitsbild erkl\u00e4ren. Daf\u00fcr bekommen Kinder ihr Ritalin, die Eltern endlich Ruhe. Aber schon im Jahre 1798 widmete der englische Arzt Alexander Crichton 46 Seiten seiner Studie \u00fcber &#8222;mental derangement&#8220; dem Ph\u00e4nomen einer gesteigerten Ablenkbarkeit (&#8222;heightened distractability&#8220;).1 Und schon damals beschrieb Chrichton Kinder und Erwachsene als Betroffene.2 In der Forschung ist mittlerweile anerkannt, dass ADHS nicht auf die Kindheit beschr\u00e4nkt ist, sich also nicht einfach \u201eausw\u00e4chst\u201c. 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